Alltag, der ganz normale Wahnsinn

ein kleines bisschen Gottvertrauen

In der vergangenen Woche bin ich von mehreren Mitchristen gefragt worden, wie ich denn mit dem Coronavirus umgehe. Immerhin sei ich ja vorerkrankt. Ich habe sie ehrlich gesagt nur einigermaßen verständnislos angeschaut.

Zum einen, weil ich meines Wissens nicht zu dem Kreis der „Vorerkrankten“ gehöre, für die das relevant wäre. Zum anderen, weil mich der Umgang mit dem Thema echt nervt. Ich glaube, wir alle täten gut daran, wenn wir uns erst mal entspannt mit den bisher bekannten Fakten über das Coronavirus beschäftigen würden, statt unsere Amygdala, unser hirninternes Stresszentrum, auf jede neue Schlagzeile und jeden neuen Impuls hin eskalieren zu lassen.

Unser Leben hängt doch ohnehin die ganze Zeit an einem seidenen Faden. Wirklich unter Kontrolle haben wir, wenn wir ehrlich sind, auch nichts. Wir sind nur unfassbar gut darin, beides zu ignorieren.

Zu dem Umstand, dass ich die Dinge eher rational als emotional betrachte (laut meinem Mann verwandle ich mich in regelmäßigen Abständen in „Ratio, den Vernunftdrachen“), gesellt sich mein Glaube.

Christsein ist für mich kein Festhalten an etwas, das „jüdisch-christliche Tradition“ genannt wird (und von dem ich beim besten Willen nicht weiß, das was eigentlich konkret sein soll), kein Aufbauen bzw. Beschützen eines sogenannten „christlichen Abendlandes“ (ein Konstrukt, das sich meinem Verständnis noch mehr entzieht), oder ddas Bestreben, mit frommen Floskeln und dem sinnlosen Versuch, sich mittels der Einhaltung irgendwelcher Gesetze (neu ausgedacht oder aus dem Alten Testament entnommen) Gottes Wohlwollen zu erlangen, ansonsten aber das Leben aus eigener Kraft, nach eigenem Gutdünken und unter der eigenen Kontrolle zu gestalten. Die Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.

Für mich bedeutet (heute) Christ zu sein, dass ich auf Jesus Christus vertraue und mich durch ihn, seinen Geist und sein Wort verändern lasse. Dass ich das, was in der Bibel steht, in meinem Leben integriere – in mein Denken, mein Reden, mein Fühlen, mein Handeln. Alles soll in Abhängigkeit von ihm geschehen, in der festen Überzeugung, dass er das Beste für mich im Sinn hat.

Das heißt im aktuellen Fall: Auf dem Laufenden bleiben (rki.de) Händewaschen, Abstand halten, gesund ernähren und darauf vertrauen, dass alles gut wird.

Denn egal, was in diesem Leben auf mich zukommt – seien es Krankheiten, Katastrophen, Kriege oder sonst was, ich weiß mich in allem und über den Tod hinaus in der Hand dieses liebenden Gottes, von dem ich in der Bibel lese.[1] Weshalb also sollte ich mir Sorgen machen?

Klingt naiv? Mag sein. Aber ich bin lieber rational informiert und naiv glücklich, als mir das bisschen Zeit, das ich habe, mit Angst, Hass und Panik zu versauen.

 


[1] Ich höre schon den Aufschrei mancher Leser: „Gott liebend? Eher ein Sadist!“ Aber denen kann ich nur empfehlen, die Bibel noch mal ergebnisoffen und mit Kontext zu lesen. Für ehrliche Nachfrage und zivilisierte Diskussionen bin ich jederzeit offen. Kontaktaufnahme gerne per Mail.

mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

gute Führung

Gestern war es mal wieder so weit: Mein jährlicher MRT-Termin stand an.

Da ich aktuell an einer Studie teilnehme, in wieweit sich innere Haltung und psychische Verfassung auf die Wirksamkeit von MS-Medikamenten auswirken, musste ich diesmal nicht zur Radiologie-Abteilung im Hauptgebäude der Uniklinik, sondern in das der Forschungsabteilung an einem anderen Standort. Da dieses in einem völlig anderen Stadtteil steht, dachte ich in meiner Naivität, dass es dort ja wohl auch ein Lesegerät für meine Gesundheitskarte gäbe. Weit gefehlt. Das kam mir zwar zunächst seltsam vor, ich machte mir aber keine großen Gedanken darum. Die würden schon wissen, was sie tun. Außerdem freute ich mich viel zu sehr auf das MRT. Es gibt ja Leute, die das unangenehm finden, aber für mich sind diese Untersuchungen Entspannung pur. Ich weiß, ich bin seltsam, aber ich hab ja auch was im Kopf…

Nach einem erholsamen Schläfchen in der MRT-Röhre wurde mir mitgeteilt, dass ich jetzt nur noch mein Kärtchen bei der Anmeldung im Hauptgebäude der Uniklinik einlesen lassen müsse. Dafür sei es nun aber schon zu spät, ich möge das in den nächsten Tagen unbedingt nachholen.

Vorbei war’s mit Erholung und Entspannung. Die Uniklinik liegt nämlich in der Nachbarstadt und somit 35 km entfernt. Dementsprechend kostet mich eine Fahrt mit dem ÖPNV zwischen 30 und 60 Minuten. Nicht gerade die Freizeitbeschäftigung, die mir so vorschwebt. Und angesichts dessen, dass mir seit meiner Diagnose von genau dieser Uniklinik ständig gepredigt wird, dass Stress ein wichtiger Einflussfaktor ist, der vermieden werden soll, war dieses Herumgegurke für meine Nerven äußerst kontraproduktiv.

„Nun gut, was soll’s?“, dachte ich. Schließlich fahren Bus und Bahn nicht schneller, wenn ich mich ärgere. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass mein Leben mit allem, was dazugehört, in Gottes Händen liegt und er die Dinge steuert – manchmal eben anders, als ich es gerne hätte. Folglich würde dieses Hinundhergefahre vermutlich am Ende doch zu etwas Positivem führen.

Diese Erkenntnis besänftigte mich ein Wenig, aber nicht vollständig. Und so saß ich dann heute Nachmittag in der Uniklinik an der Anmeldung und war abermals der festen Überzeugung, dass diese Stippvisite im Krankenhaus vollkommen sinnfrei und vermeidungswürdig wäre. Bis ich dann im Anmeldeschalter bei einem überaus redseligen Angestellten saß.

Er: „Sind sie jetzt nur wegen dem Kärtchen hier?

Ich: „Ja. Es hieß, dass ich das schnellstens einlesen lassen soll.“

Er: „Ja, aber das hätte doch auch noch am 27. gereicht.“

Ich: „Wie, am 27.?“

Er: „Na, da haben Sie doch einen Termin bei Ihrer Ärztin zur Besprechung der MRT-Bilder.“

Ich: „Ne, den hab ich im August.“

Er: „Also hier steht am 27.Mai. Gucken Sie mal.“

Er drehte seinen PC-Bildschirm und da stand tatsächlich der 27.Mai. Also wurde ich kurzerhand in die Neurologie geschickt, um Klarheit in die Sache zu bringen. Wie sich herausstellte, hatte man mir einen falschen Termin geschickt. Ohne meinen heutigen Abstecher an die Klinik und mit einem anderen Angestellten, der nicht so sehr in Plauderlaune gewesen wäre, hätte ich von diesem Malheur nie etwas mitbekommen. Ich wäre im August aufgeschlagen, nur um zu erfahren, dass mein Termin bereits drei Monate zurückliegt.

Ich bin begeistert. Von meinem Gott, der alles so grandios und gut führt.

Ich bin ein wenig beschämt. Über meine geringe Frustrationsschwelle und die wertvolle Zeit und Nerven, die ich an meine Bruddelei verschwendet habe. Zumal ich es doch eigentlich besser weiß.

Und ich fühle mich beschenkt. Weil ich einmal mehr erleben konnte, dass ich einen Gott habe, der die Dinge unter Kontrolle hat, sodass ich sie getrost abgeben darf.

Außerdem hat mir die ganze Angelegenheit eine wichtige Sache in Erinnerung gerufen:

Man sollte das Leben in vollen Zügen genießen! ;-)

MS, mein Umfeld und ich, Multiple Sklerose

Inside out

Als ich vor einem Jahr erfuhr, dass ich Multiple Sklerose habe, war mir eins sofort klar: Ich werde mich von dieser Krankheit nicht runterziehen lassen. Jammern ist ohnehin nicht so meins und von Selbstmitleid ist auch noch nie ein Problem gelöst worden. Als Christin weiß ich zudem, in wessen Hand mein Leben liegt. Folglich war auch klar, dass Gott sogar diese riesige, allumfassende und angsteinflößende Diagnose zum Segen für mich nutzen wird. Also habe ich mir die Zeit genommen, mich rational mit meiner Erkrankung auseinandergesetzt und angenommen, was ohnehin nicht zu ändern ist.

Natürlich hatte und habe ich auch Tage, an denen ich nicht so stark und gelassen sein kann, wie ich gerne wäre. Immer dann beispielsweise, wenn ich mal wieder an der Kortison-Nadel hänge (bislang war das dreimal der Fall), sinkt meine Stimmung gemeinsam mit meinen Abwehrkräften auf den absoluten Tiefpunkt. Und natürlich nervt es total, dass ich nicht mehr all das tun kann, was ich eigentlich möchte, dass die Kräfte längst nicht mehr reichen und ich mich kaum noch erinnern kann, wann ich mich mal einen Tag lang wirklich gut gefühlt habe.

Wie gesagt: Jammern bringt nichts. Und ich will meiner Krankheit auch nicht mehr Raum zugestehen, als sie ohnehin schon hat. Also versuche ich, meinen Alltag so normal wie möglich zu gestalten. Häufig erzähle ich nicht mal meinem Mann, wie ich mich fühle, wo es wehtut oder was nicht funktioniert, wie es soll. Er kann mir ja auch nicht wirklich helfen, außer dass er mir fürs Suppekochen den Kürbis kleinschneidet oder mir das Bügelbrett aufbaut. Durch meinen Zustand, dadurch, wie es mir geht, wie mein Körper sich anfühlt – oder eben auch nicht –, durch das Spritzen und die Erschöpfung muss ich alleine durch. Also rede ich eben nicht darüber. Letzten Endes auch deshalb, weil ich weder mein Umfeld emotional belasten, noch mit Mitleid überschüttet und ersäuft werden möchte.

Außerdem geht es mir ja verhältnismäßig echt gut. Wie schrieb meine Ärztin von der Uniklinik in ihrem letzten Arztbrief? „Der Krankheitsverlauf der MS ist erfreulich stabil.“ Mein Hirn ist nach wie vor so zerlöchert wie vor einem Jahr. Das ist zwar grundsätzlich nicht schön, aber immerhin sind keine neuen Löcher dazugekommen. Im Urlaub habe ich zwar gemerkt, dass ich deutlich schneller müde werde, als vor einem Jahr, aber ich kann dennoch weiterhin problemlos um die 15 km zu Fuß zurücklegen. Da darf man hinterher schon mal müde sein. Selbst wenn die Regeneration mittlerweile etwas länger dauert, war ich vorher doch zu der körperlichen Anstrengung in der Lage, die diese Regeneration überhaupt nötig gemacht hat. Ich kann und will (!) unglaublich dankbar sein. Noch ein Grund, weshalb ich mir äußerlich nicht so sehr anmerken lasse, wenn es mir nicht gut geht.

Abgesehen davon habe ich oft genug erlebt, dass ich von wenig verständigen oder wenig empathischen Mitmenschen angeranzt oder zumindest recht unsensibel vollgetextet wurde, wenn es mal offensichtlich war, dass es mir nicht gut geht. Wozu nachfragen, wenn man auch ‘nen dummen Spruch raushauen kann?! Da überlegt man sich eben auch mehrmals, ob man Schwäche zeigen soll.

Soweit, so gut. Letzteres Problem ist mir ja schon länger bekannt. In letzter Zeit habe ich allerdings zwei neue Beobachtungen gemacht, die ich äußerst spannend finde und von denen ich nur zu gern wüsste, ob es anderen Betroffenen ähnlich geht:

Man mag es mir zwar also von außen nicht immer ansehen, dass es mir nicht gut geht, tatsächlich ist es so, dass ich mich die meiste Zeit über kraftlos und ausgepowert fühle. Quasi wie ein ausgelutschter Kaugummi schleiche ich um die Ecken und versuche, meine Aufgaben so gut wie eben möglich zu erledigen. Die Nerven wundgescheuert bis auf den Grund, mit Schmerzen im Bein und einem tauben Arm.  Genau dann, wenn ich mich am Ende meiner Kräfte fühle, mir mein Bett herbeisehne und mich frage, wie ich alle Aufgaben schaffen soll, werde ich häufig von Leuten angesprochen. Und dann höre ich Sätze wie:

„Du siehst heute aber richtig frisch aus.“

„Dir geht es besser, gell? Man sieht’s dir an.“  Oder

„Du wirkst so energiegeladen, das ist echt beeindruckend.“

Und ich denke jedes Mal nur: Huh?!

Eigen- und Fremdwahrnehmung sind echt ein spannendes Thema. Bislang habe ich für dieses Phänomen keine andere Erklärung als die, dass das die Tage sind, an denen ich ganz besonders von Gott gestützt werde und dass die Kraft, die manch einer dann in mir sieht, nicht meine Kraft ist, sondern seine. Anders kann ich es mir nicht erklären. Und es kommt in der Tat relativ häufig vor.

Diese Beobachtung ist ja noch irgendwie amüsant, wenn nicht gar ermutigend, und freut mich dementsprechend sogar ein bisschen. Schwierig wird es bei meiner zweiten Beobachtung. Mag sein, dass ich mich täusche, aber ich habe den Eindruck, manche Leute vergessen, dass ich MS habe. Ernsthaft. Sogar Leute, mit denen ich ausgiebig darüber gesprochen habe, muss ich immer wieder daran erinnern, dass ich unheilbar krank bin, einen Schwerbehindertenstatus besitze und dementsprechend kräftemäßig Begrenzungen habe. Mein Problem ist nach wie vor: man sieht mir meine Krankheit nicht an.

Wie oft habe ich schon gedacht, dass ein nässender Ausschlag manchmal vielleicht hilfreicher wäre. Oder ein Alienbaby, das sich blutbespritzt und schleimig aus meinem Unterleib nagt. Das würde Eindruck machen. Aber eine unsichtbare Krankheit? Damit gewinnst du keinen Blumentopf.

Stell dich nicht so an, Mädchen. Du bist jung, siehst gesund aus – außerdem ist deine Krankheit für dein Umfeld eine andauernde Erinnerung an die eigene Sterblichkeit…Da kann man das mit dieser MS schon mal vergessen.

Kann man nicht. Finde ich zumindest. Wenn mir jemand erzählt, dass er gegen irgendwas allergisch ist, dann merk ich mir das. Wenn ich erfahre, dass jemand, mit dem ich täglich zu tun habe, eine ernsthafte Krankheit hat, dann ist das in meinem Kopf und meinen Gebeten. Ich vergesse doch nicht, wenn ein Freund Krebs hat oder das Kind eines Kollegen Morbus an Crohn erkrankt. Ich mein, im Normalfall merkt man sich doch auch, was jemand nicht gerne isst oder auch besonders gerne mag und nimmt darauf Rücksicht. Oder bin ich da komisch? Ich dachte immer, das hätte etwas mit Interesse und Respekt zu tun.

Und da frag ich mich in der Tat manchmal, ob meine Strategie, nicht zu jammern, wirklich die richtige ist. Das mit dem Alien wird ja wohl nichts werden und eitrigen Ausschlag fände ich jetzt auch nur bedingt gut. Aber vielleicht sollte ich trotzdem mal einen auf Hiob machen: öffentlich leiden, jammern, zetern, Gott anklagen… die Aufmerksamkeit meiner Mitmenschen wäre mir sicher. Und es würde garantiert auch kaum noch jemand „vergessen“, dass ich krank bin.

Aber will ich das?!

Ich denke nicht.

Ich glaube, mir ist es dann doch irgendwie lieber, dass viele Leute um mich herum mich falsch einschätzen, abstempeln und missverstehen, ich dafür aber mein Leben so leben kann, wie ich es am liebsten tue: in mir und Gottes Hand ruhend. Manchmal kraftlos, manchmal überfordert, aber alles in allem echt gesegnet, dankbar und glücklich.

MS, mein Umfeld und ich, Multiple Sklerose

Ich hab es getan…

Ein Bekannter, den ich sehr schätze und dem ich viel zu verdanken habe, sagte mir vor einigen Jahren: „Dein Bauchgefühl ist der beste Freund, den du hast“ Und er hatte Recht. Egal, wie sehr und oft ich versuche, Dinge im Voraus bis ins letzte Detail logisch zu durchdenken, am Ende stelle ich immer wieder fest, dass mein erster Impuls der richtige war. Sei es bei lebensverändernden Entscheidungen, bei der Einschätzung von Menschen, die ich neu kennen lerne, oder bei der Bestellung im Restaurant – mein erstes Bauchgefühl hat fast immer Recht.

Und trotzdem tendiere ich weiterhin dazu, bei allen möglichen Themen, die mich beschäftigen, zunächst einmal zu versuchen, alle Eventualitäten in epischer Breite gedanklich abzuarbeiten, um dann die vermeintlich beste Entscheidung zu treffen.

Seit März trieb mich die Frage um, ob und in welchem Umfang ich meine Schüler über meine MS-Erkrankung informieren sollte (siehe Wie würdest du entscheiden). Sie war zwar aufgrund aktuellerer Themen eher an den Rand meiner Überlegungen gerutscht, dennoch blieb sie präsent. Und da ich den Sommer über ja, wie bereits erwähnt, fünf Wochen lang mehr oder weniger unbeaufsichtigt war, rutschte diese Frage wieder mehr in den Fokus: Sollten meine Schüler wissen, was mit meiner Gesundheit los ist? Soll ich ihnen wirklich diesen tiefen Einblick in mein Privatleben geben, oder ist der positive Nutzen, den das haben könnte, am Ende doch zu klein?

Meine altersmäßig höchste Klassenstufe, die ich in diesem Schuljahr unterrichte, ist eine 8.Klasse. Wir kennen uns seit einem Jahr und kamen in der Siebten ziemlich gut aus. Aber das hier ist die Achte. Da ist alles anders. Spätestens jetzt schlägt die Pubertät endgültig mit voller Wucht zu. Spätestens jetzt weiß der Durchschnittsschüler, dass man niemandem über 30 trauen sollte, zumal Erwachsene ja ohnehin von nichts Ahnung haben. Spätestens jetzt ergeht sich der Heranwachsende in diversen Allmachts- und Überlegenheitsfantasien und spätestens jetzt wird jeder Blick der Lehrperson, ja ihre bloße Anwesenheit, in 90% aller Fälle als Angriff, als Herausforderung, als Abwertung der eigenen Person aufgefasst. „Wer ist sie, dass sie es wagt, ihr Wort an mich zu richten?“ (Ja, bei manchen Menschen bleibt diese pubertäre Geisteshaltung bestehen und man kann mit ihr sogar Karriere machen…)

Diese permanente Hab-Acht-Stellung und der daraus resultierende auf Vernichtung eingestellte Angriffsmodus, die sich freilich problemlos aus der Entwicklungsphase von Achtklässlern erklären lässt, ist anstrengend.  Und nervtötend. Letzteres kann ich mir nicht leisten. Wenn mein Körper schon selber daran arbeitet, meine Nervenzellen zu zerfetzen, dann muss ich nicht auch noch Unterstützung von außen bekommen.

All diese Gedanken rasten in diesen ersten fünf Minuten, in denen ich einer überaus unmotivierten, unruhigen Horde pubertierender Monster die Modalitäten der 8.Klasse erklärte, durch meinen Kopf. Ich mag die Truppe echt gerne. Und ich habe ihnen im vergangenen Jahr gleich zu Anfang unserer gemeinsamen Zeit einen wichtigen Grundsatz meiner Lehrtätigkeit erklärt: Wenn wir einander nicht vertrauen, können wir nicht gewinnbringend zusammenarbeiten.

Als die Klasse ausführlich über Notenzusammensetzung, Klassenarbeitshäufigkeiten und Lernstandserhebungen informiert war, meldete sich mein Bauchgefühl und ich wusste, was zu tun war. Ich gab der Klasse die Informationen, die sie meiner Meinung nach über meinen Gesundheitszustand wissen mussten:
Dass ich eine Autoimmunkrankheit habe, bei der mein Immunsystem meine Nervenzellen angreift. Dass Nervenzellen irreparabel sind und die Krankheit unheilbar. Dass ich mir regelmäßig Medikamente spritze, um die Krankheit zu verlangsamen, und dass diese Medikamente Nebenwirkungen haben, die immer wieder dazu führen, dass ich nach dem Spritzen eine ziemlich beschissene Nacht habe. Und das Wichtigste in diesem Zusammenhang: dass es, wenn ich mal muffelig oder kaputt wirke und entsprechend dreinschaue, nichts mit ihnen zu tun hat. Dass sie dann auf keinen Fall Dinge denken sollen wie „Boah, was hat die Alte jetzt schon wieder für ein Problem? Die hasst mich voll.“, weil sie aus dem letzten Jahr genau wissen, dass ich Probleme und Fehlverhalten direkt anspreche. Man konnte förmlich sehen, wie über den ersten Köpfen kleine Glühbirnen aufploppten. Sie hatten verstanden.

Außerdem habe ich meinen Schülern erklärt, was ein Schub ist und sie gebeten, auf ein paar Symptome zu achten, sowie mir gegebenenfalls zu sagen, wenn ihnen ein verändertes Verhalten auffällt, da ich dann zum Arzt und eventuell zur Kortisonbehandlung ins Krankenhaus muss.

Natürlich ist mir klar, dass es für Schüler unglaublich schwer ist, Lehrern zu sagen, wenn ihnen etwas an deren Verhalten auffällt. Wir trimmen unsere Schüler ja leider viel zu sehr darauf, dass der Lehrer unfehlbar ist und auch berechtigte Kritik umgehend und umfassend bestraft wird. Wir erziehen sie dazu, den Mund zu halten und den Zorn innerlich zum allgemeinen Hass zu kultivieren.  Noch etwas, das ich ansprechen musste: Dass es für sie sicher Überwindung bedeutet, mir zu sagen, wenn ich mich komisch verhalte, sie aber keine Angst haben müssen, dass ich dann böse auf sie werde. Dass ich ihnen, im Gegenteil, dankbar für solche Hinweise bin und sie ehrlich um ihre Mithilfe bitte.

Die gesamte Klasse hatte ohnehin die ganze Zeit über so gut zugehört, wie noch nie im vergangenen Schuljahr, aber jetzt waren sie alle hellwach. Eine Lehrerin bat sie um Hilfe… Sofort begannen Überlegungen, wer diese Aufgabe wohl am besten übernehmen könnte und es kamen Fragen, wie und wann sie mir am besten sagen sollten, wenn ihnen etwas auffiel. Tolle Chance, erneut darauf hinzuweisen, dass sie immer – egal, ob ihnen etwas Schubbezogenes auffällt oder sie mein Verhalten einfach so ungerecht oder doof fanden – nach der Stunde oder in den großen Pausen auf mich zu kommen sollen. Ein Schüler fragte sogar äußerst besorgt, ob sie sich nicht vielleicht gleich in der Stunde melden sollen, damit ich umgehend ins Krankenhaus fahren kann. Es könne sich doch um Minuten handeln. Fand ich irgendwie sehr süß. Da war erst mal Beruhigung angesagt…

In der Pause kam eine (neue) Schülerin auf mich zu, ob ich nach der Doppelstunde kurz Zeit für sie hätte. Da erfuhr ich dann, dass sie aufgrund einer Krankheit in den vergangenen Jahren nicht zur Schule gehen konnte und momentan ebenfalls Kortison bekommt (allerdings in Tablettenform). Sofort war eine Beziehung da, ich verstand sie, sie hatte Vertrauen. Eine gute Basis für die kommende Zusammenarbeit.

Natürlich rechne ich damit, dass irgendwann der Moment kommt, in dem einer der Schüler in einem Anflug von pubertärer Ignoranz versucht, diese Sache gegen mich zu verwenden. Das ist okay. Wenn die meisten Erwachsenen schon nicht mit dieser nahezu unsichtbaren, schleichenden Dreckskrankheit umgehen können, wieso sollten es dann Teenager schaffen?

Trotzdem weiß ich, dass das die richtige Entscheidung war. Weil es immer besser ist, Dinge anzusprechen. Mit offenen Karten zu spielen. Für mich selbst Verantwortung zu übernehmen und entsprechend Entscheidungen zu treffen, weil sie für mich richtig sind.  Nicht einzuknicken vor dämlichen Reaktionen der anderen oder vor der Angst vor möglichen Konsequenzen, beziehungsweise vor dem potenziellen Missbrauch der eigenen Ehrlichkeit.

Ich muss mir und anderen immer wieder klarmachen, dass eine Krankheit, ganz gleich welcher Art, kein Grund zu Scham und kein Makel ist. Die Multiple Sklerose ist ein Teil von mir, ob es mir nun passt, oder nicht. Alles, was ich tun kann, ist, damit so natürlich und offen umzugehen, dass sie keine Macht über mich hat. Und was andere mit meiner Krankheit machen, das ist letzten Endes nicht mein Problem.