Alltag, mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Resilienzfaktor Zukunftsorientierung

„Jetzt kommt sie auch noch mit Zukunft …“

Ja, kommt sie. Und ich hoffe, dass ich das schaffe, ohne zynisch oder überheblich zu klingen.

 

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, meinen Schülern ab einem gewissen Alter (meistens Klasse 7) zu sagen, dass ich krank bin und was ich habe. Zu Beginn meiner Krankheit habe ich mich sehr davor gescheut, aus Angst, dass es zu komischen Reaktionen kommen könnte. Aber ganz ehrlich: es ist egal, was du als Lehrer tust, sagst oder hast, es wird sich immer jemand finden, der es dir so negativ wie möglich auslegt. Und vermutlich ist das auch bei jedem anderen Beruf so. Also beschloss ich irgendwann, aus der Deckung zu kommen und den Schülern zu erklären, was los ist. Meistens, wenn sie mich fragen, ob ich ihre Klassenlehrerin werden könnte und warum nicht. Oder weshalb ich nicht mit auf Klassenfahrt komme. Die Frage, die dann immer kommt, wenn sie wissen, was MS ist, lautet: „Haben Sie keine Angst?“

Klar, manchmal spüre auch ich sie: die Angst vor der Zukunft. Vor dem, was die MS mit meinem Gehirn und meinem Körper so alles anstellt. Das ist, denke ich, auch ganz normal. Aber ich habe nicht vor, mich von ihr beherrschen zu lassen. Denn dann würde die MS ja auch schon meine Gegenwart kaputt machen – und das mithilfe einer Zukunft, die möglicherweise gar nicht eintreten wird! Ne, ne, nicht mit mir.

Wie immer halte ich es für eine schlechte Möglichkeit, Dinge einfach zu ignorieren. Kann man machen, bringt aber nichts. Gefühle wegzudrücken mag im ersten Moment komfortabel erscheinen, kostet am Ende aber deutlich mehr Kraft (und Gesundheit) als es die Sache wert ist.

Also lieber damit auseinandersetzen.

Ich habe da für mich mehrere Wege gefunden:

Zum einen kalkuliere ich aktiv mit ein, dass mein Leben in zehn, zwanzig Jahren ganz anders aussehen kann als heute. Aber mal ehrlich: das würde es auch ohne eine chronische Krankheit. Mag sein, dass ich irgendwann wegen der MS im Rollstuhl lande. Könnte mir aber genauso gut durch einen Unfall passieren. Oder durch eine andere Krankheit, von der ich heut noch gar nichts weiß. Ich sitze also nicht jeden Tag da und bin bekümmert, weil ich möglicherweise irgendwann nicht mehr laufen kann (was einige Menschen in meinem Umfeld nach wie vor von mir erwarten würden), bin mir aber bewusst, dass das große Schrumpeln so oder so irgendwann beginnt. Das äußert sich beispielsweise darin, dass mein Mann und ich bei der Haussuche bewusst darauf achten, ob das Haus behindertengerecht ist, bzw. umgebaut werden kann. Befinden sich die wichtigsten Räume auf einer Etage? Sind die Türen so breit, dass ein Rollstuhl durchpassen würde? Kann man Treppenlifte einbauen? Wie gesagt: Vielleicht werde ich diese Hilfsmittel nie brauchen. Aber wenn, dann bin ich vorbereitet.

Zur Zukunftsorientierung gehört auch meine berufliche Tätigkeit. Ich liebe meinen Beruf. Wirklich. Aber ich weiß, dass ich ihn nicht bis zur Rente machen kann. Mit jedem Tag merke ich, wie es mir schwerer fällt, mit den täglichen Anforderungen umzugehen. Lehrer sind im Dauerstress. Ja, ich weiß, die öffentliche Meinung sieht das häufig anders, von wegen vormittags Recht und nachmittags frei. Aber die öffentliche Meinung kann mich mal. Als ich noch mit vollem Lehrauftrag gearbeitet habe, waren 50- bis 60-Stunden-Wochen normal. Ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf, bin um 7 Uhr an der Schule und damals habe ich mich an den seltensten Tagen vor 18 Uhr auf den Heimweg gemacht. Das kann und will ich heute nicht mehr. Dazu kommt, dass das schulische Umfeld für jemanden mit angeschlagenem Immunsystem jetzt nicht so das allerbeste Metier ist.

Da ich weiß, dass ich den Job als Lehrerin mittelfristig vermutlich an den Nagel hängen muss, habe ich direkt nach meiner Diagnose begonnen, mich um eine Alternative zu kümmern. Das heißt konkret: diverse zusätzlichen Fortbildungen, Kurse und Qualifizierungen, die mir ermöglichen, auf meine bisherige berufliche Expertise aufzubauen, und mich auf meinem beruflichen Weg hoffentlich irgendwann in die Selbstständigkeit führt. Vorerst nur in Teilzeit, auf jeden Fall aber so, dass ich beruflich entlastet (weil selbstbestimmter) bin und trotzdem genug Geld verdiene, um unabhängig von Mann und Staat leben zu können und nicht später in Altersarmut abzurutschen. Von den vermeidbaren seelischen Aspekten von Untätigkeit mal ganz abgesehen.

Ich entscheide, wohin die Reise meines Lebens geht. Und ich habe beschlossen, dass die MS nicht der Endbahnhof ist. Die Reise geht weiter. Vielleicht langsamer und beschwerlicher als früher, aber das ist okay. Hauptsache, es geht weiter. Und das Ziel ist klar: eine großartige Zukunft.

Und wo geht deine Reise hin?

Multiple Sklerose, mein Leben mit MS, Alltag

Resilienzfaktor Netzwerke

Wir leben immer mehr in einer Zeit der Einzelkämpfer.

Mir scheint, je mehr wir uns im digitalen Raum verlinken, umso mehr sehen wir nur noch uns selbst und tun so, als hätten wir ein makelloses Leben zu präsentieren. Als wären wir so damit beschäftigt, unser perfektes Leben zu genießen, dass wir keine Zeit für irgendwen haben. Wir erzählen nicht vom Urlaub, wir posten ein paar Fotos. Wir tauschen nicht mit echten Bekannten echte Standpunkte aus, sondern pöbeln online fremde Menschen an, die ebenso wenig Interesse an meiner Meinung haben, wie ich an ihrer.

Sogar in so genannten Online-Gruppen, in denen es eigentlich darum gehen soll, dass man sich mit Gleichgesinnten austauscht, geht es mehr als alles darum, selbst gesehen zu werden.

Dabei sind Netzwerke so wichtig. Gerade, wenn es nicht so gut läuft. Doch gerade dann meinen viel zu viele Menschen, dass es besser sei, sich zurückzuziehen. Soll bloß keiner merken, dass man Hilfe braucht …

Diese Einstellung ist meiner Meinung nach die dümmste, die man haben kann.

Schon in der Bibel heißt es in Prediger 4:9-12 „Es ist besser, dass man zu zweit ist als allein, denn die beiden haben einen guten Lohn für ihre Mühe. Denn wenn sie fallen, so hilft der eine dem anderen auf; wehe aber dem, der allein ist, wenn er fällt und kein Zweiter da ist, um ihn aufzurichten! Auch wenn zwei beieinanderliegen, so wärmen sie sich gegenseitig; aber wie soll einer warm werden, wenn er allein ist? Und wenn man den einen angreift, so können die beiden Widerstand leisten; und eine dreifache Schnur wird nicht so bald zerrissen.“

Netzwerke. Gemeinschaften, in denen man sich mit Rat und Tat zur Seite steht. In denen man sich unterstützt. An einander Interesse hat. Teams, in denen jeder seine Stärken einbringt, um dazu beizutragen, dass es am Ende allen besser geht.

Das braucht jeder Mensch, vor allem aber wir Kranken. Und zwar in zweifacher Weise

Erstens: Netzwerke innerhalb der MS-Community

Wie schon mehrfach erwähnt, halte ich es für unbedingt hilfreich und notwendig, sich Informationen und Unterstützung bei der DMSG zu holen. Der Jahresbeitrag ist verschwindend gering, dafür bekommt man jederzeit topaktuelle Informationen aus der Forschung und für den Alltag. Und zwar objektiv und verlässlich.

Ebenso unerlässlich ist ein guter Neurologe. Ich weiß, gute Ärzte sind schwer zu finden. Aber die Suche lohnt sich. Ein guter Neurologe ist für mich jemand, der ebenfalls auf dem neuesten Stand der Forschung ist, der sich bei der Anamnese Zeit nimmt und mir auch mal sagt, wenn ich mich zu sehr verrenne. Er muss mir menschlich nicht zusagen, schließlich will ich ihn weder heiraten noch eine Eisdiele mit ihm eröffnen. Aber er muss fachlich kompetent sein und wissen, was er tut. Dann gehört er auf jeden Fall rein ins Netzwerk.

Die MS-Schwester, die man von seinem Medikamentenhersteller zur Verfügung gestellt bekommt, kann ebenfalls Teil dieses Netzwerks sein, gibt sie doch medizinische und mentale Unterstützung, die vom Neurologen eher weniger kommen.

Auch der Austausch mit anderen Kranken kann hilfreich sein. Allerdings sollte man hier aufpassen, an wen man gerät. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Selbsthilfegruppen mich eher runterziehen, als dass sie mich aufrichten würden. Eben weil doch sehr viel gejammert und wenig auf das Positive geguckt wird. Zumindest bei denen, die ich kennen gelernt habe. Für manche Menschen mag das auch hilfreich sein, für mich ist es eher belastend. Ich rede lieber mit Menschen in meinem Bekanntenkreis, die an MS erkrankt sind, und bei denen ich weiß, dass sie auch keine Lust auf Selbstmitleid und Krokodilstränen haben. Mit Humor geht einfach vieles leichter.

Zweitens braucht jeder Netzwerke außerhalb der MS-Community.

Das sind dann die Leute, die da sind, wenn es einem schlechter geht. Leute, die dich, falls nötig, zum Arzt fahren, die während der Cortison-Therapie vorbeischauen und fragen, wie es dir geht. Es sind die, die Rücksicht auf deine Krankheit nehmen, dich aber nicht auf die Krankheit allein reduzieren. Menschen, mit denen du Qualitätszeit verbringen kannst, wenn es dir gut geht, die dir aber auch nicht böse sind, wenn du kurzfristig absagen musst, weil an dem Tag einfach nichts mehr geht. Die, die dich an das Schöne im Leben erinnern und die im Grunde jeder braucht.

Und es sind vielleicht auch Menschen mit anderen Krankheiten, die dich daran erinnern, dass es Krankheiten gibt, bei denen man deutlich mehr Grund zum Jammern hat, und wie gut es einem doch geht. Ich denke, wir sollten uns auf jeden Fall krankheitsübergreifend vernetzen, um uns auch dort gegenseitig zu unterstützen und zu verstehen. Denn auch, wenn die eigene Krankheit eine andere ist, verstehe ich mein Gegenüber vermutlich trotzdem um Welten besser, als der Gesunde, der nur vom Hörensagen weiß, was es heißt, krank zu sein.

Also auf geht’s: Netzwerke knüpfen. Spring über deinen Schatten und lass andere für dich da sein. Und sei du selbst auch für andere da. Denn es ist und bleibt besser, dass man zu zweit ist statt allein.