MS, mein Umfeld und ich, Multiple Sklerose

Hinter der Fassade

Fast vier Jahre nach meinem ersten spürbaren Schub habe ich mittlerweile das Gefühl, dass ich recht gut mit der MS umgehen kann – mit den Ausfallerscheinungen, den Begrenzungen, den Nebenwirkungen der Medikamente und insgesamt mit der veränderten Lebenssituation.

Was mir jedoch nach wie vor einige Probleme bereitet, ist der zielführende Umgang mit meinem gesunden Umfeld.

Wenn ich auf die Frage, wie es mir geht, ehrlich antworte, wird mir das fast immer als Jammern ausgelegt. Noch dazu tendieren Gesunde häufig dazu, meine Symptome zu bagatellisieren und mir zu erzählen, dass das „ja jedem mal so geht“ und ich halt „einfach mal die Zähne zusammenbeißen“ müsse. Gegen die Fatigue müsste ich halt „einfach mal ein bisschen früher schlafen gehen“ (also in meinem Fall so gegen 20 Uhr). Dass Fatigue und Müdigkeit zwei Paar Stiefel sind, ist schwer zu verstehen. Ich habe es aufgegeben, mich über diese Ignoranz aufzuregen. Schließlich wusste ich es früher ja selbst nicht besser. Am Ende bleibt also wieder die Erkenntnis, dass man auf die Frage „Wie geht es dir?“ am besten nicht ehrlich antworten sollte. Denn leider sind scheinbar nur die wenigsten bereit für die Wahrheit.

Alternative B ist aber auch nicht besser. Denn wenn ich sage, dass es mir gut gehe, wenn ich mich zusammenreiße und versuche, dass mein Umfeld möglichst nicht mitbekommt, wie es mir wirklich geht, denken die Leute um mich herum, dass ja alles wieder okay sei. Dass ich wieder gesund wäre und man mich entsprechend belasten könnte – mit Arbeit, mit Seelenmüll etc. Was ja auch verständlich ist, schließlich sehen sie ja nur den Teil von mir, der sich größte Mühe gibt, zu funktionieren. Die Kraftanstrengung, die dahintersteht, sieht man von außen natürlich nicht. Dass ich manchmal auf meinem Heimweg auf halber Strecke überlege, wie ich es wohl jetzt noch heimschaffen soll, weiß kaum jemand. Oder dass ich manchmal meinen Mann anrufe, ob er mich von der Arbeit abholen kann. Wenn ihn dann jemand sieht, freuen sich alle, wie lieb und fürsorglich, ja geradezu romantisch das ist, dass er mich abholen kommt. Ja, es ist lieb und fürsorglich. Nur leider fragt niemand, weshalb diese Fürsorge notwendig ist. Ebenso wenig sieht mein gesundes Umfeld die Wochenenden, an denen sich schon der Weg vom Bett zur Dusche und von der Dusche zur Couch anfühlt wie ein Marathon. Die Wochenenden, an denen ich so matschig in der Birne bin, dass mir regelmäßig Wörter nicht einfallen und ich keine Seite gelesen bekomme, weil die Worte nicht vom Auge ins Gehirn gelangen. Man sieht die bequeme Fassade und auch das reicht den meisten Menschen leider vollkommen.

Teile meiner Familie gehören leider auch zu denen, die nicht kapieren, was es heißt, chronisch krank zu sein. Die eben nur die Fassade sehen, die ich bei unseren halbjährlichen bis jährlichen Begegnungen zur Schau trage. Und die absolut kein Verständnis dafür zeigen, wenn ich bei diesen seltenen Momenten eben nicht mit meiner Nichte und meinem Neffen den ganzen Tag Remmidemmi mache. Dann wird ganz schnell aus „Man merkt ja gar nichts von deiner Krankheit.“ zu „Stell dich halt nicht so an, schließlich bist du so selten da“.

In der Nacht zu Heiligabend hatte ich mal wieder so eine richtig beschissene Rebif-Nacht mit stundenlangem Schüttelfrost. Am 24. war ich dementsprechend gerädert. Da mein Mann mit grippalem Infekt darniederlag, beschränkte sich unser Weihnachten leider tatsächlich nur auf Couch, Geschenke und Essen. Kein Gottesdienst, kaum Außenkontakte wenig festliche Stimmung, schön war es trotzdem.

Natürlich hatte ich meiner Mutter erzählt, dass wir beide nicht fit sind. Was sie natürlich sofort am Nachmittag meinem Bruder und seiner Familie erzählen musste. Und natürlich hat keiner kapiert, dass ich nicht krank bin, sondern mein Zustand eine Nebenwirkung meiner MS-Medikamente war. Das habe ich dann in den vergangenen Tagen mehrfach in diversen Telefonaten erklärt. Ebenso, dass ich solche Nächte regelmäßig habe. Dass das für mich mittlerweile normal ist und nicht weiter der Rede wert. Dass ich mich davon weder herunterziehen, noch mir die Laune vermiesen lasse. Dass ich halt damit umgehen muss und mir solche Nächte lieber sind als ein unkontrolliertes Fortschreiten der Krankheit.

Und plötzlich war da sowas wie Betroffenheit. Vielleicht sogar (und das wäre meine Hoffnung) ein kleines Fünkchen Verstehen dessen, wie mein Leben mit MS im Alltag aussieht. Und auch, wenn ich fürchte, dass dieses Fünkchen schon längst wieder verglüht ist, bleibt die Hoffnung, dass es mit der Zeit zu mehr Fünkchen kommen wird. Und wer weiß, vielleicht zünden die ja irgendwann ein Licht der Erkenntnis an. Und sei es nur ein Teelicht.

MS, mein Umfeld und ich, Multiple Sklerose

Stand der Dinge

Als ich neulich mal wieder beim Arzt im Wartezimmer saß, fiel mir auf, dass ich schon ganze zwei Monate nichts mehr über meine MS geschrieben habe.

Das hat einen einfachen Grund: es gab in letzter Zeit absolut nichts zu berichten. Und vielleicht sollte ich mich genau deswegen heute mal wieder dem Thema Multiple Sklerose widmen. Schließlich weiß ich, dass viele Leute aufgrund meiner Infos hier für mich beten. Und ihr sollt wissen, wie der Stand der Dinge ist. Außerdem hoffe ich, dass es hilft, dieser (durchaus einschränkenden und belastenden) Krankheit den ultimativen Schrecken zu nehmen.

Also: mein Wochenrhythmus wird nach wie vor bestimmt vom Rebif44-Spritzen, von damit einhergehendem Schüttelfrost und von den Katermorgen danach. Zusätzlich schlucke ich die Vitamine B12 und D, sofern ich sie nicht vergesse…

Das Spritzen nervt mich ehrlich gesagt tierisch. Mein Talent, beim Spritzen irgendwelche Adern zu treffen ist rekordverdächtig und aus irgendeinem Grund sind die Injektionen in den Oberschenkel bei mir doch auch relativ schmerzhaft. Aushaltbar, aber dennoch suboptimal. Dafür leuchten Bauch, Beine und Po aber auch weiterhin in den schönsten Blautönen.  Sollte ich mich jemals bei Nacht im Wald verlaufen, ziehe ich mich einfach aus und lasse meine natürlichen Signalfarben Hilfe anlocken. Oder Beißer. Wobei die ja meines Wissens eher auf Geräusche und Gerüche reagieren.

Ebenso nervig sind die Nebenwirkungen, die nach wie vor präsent sind. Man hatte mir zwar gesagt, dass die Grippesymptome nach der Injektion sich im Laufe weniger Monate verflüchtigen würden, aber darauf warte ich noch immer. Also nehme ich zusätzlich nach der Injektion immer noch schön brav eine ASS, um die Symptome zu überlagern, und hoffe, dass mein Mann mich nicht genau dann mit seinem Schnarchen weckt, wenn der Schüttelfrost am schlimmsten ist.  Meistens kriegen wir das hin. Worauf wir aber beide keinen Einfluss haben, ist der Morgen danach. An dem bin ich nämlich auch weiterhin übelst zerschossen. Wenn ich an so einem Tag zur ersten Stunde unterrichten muss, sprich um 6:40 Uhr das Haus verlasse, ist der Tag eigentlich schon gelaufen, bevor er überhaupt angefangen hat. Und da man leider von außen nicht sieht, dass ich krank bin und warum es mir nicht gut geht, wirke ich an diesen Tagen eben auf manche Zeitgenossen wie der unfreundlichste Mensch der Welt. Aber da ich kein Nutella-Glas bin, muss ich ja auch nicht jeden glücklich machen…

Seit meinem letzten Neurologentermin im April bin ich jedoch mehr als gewillt, diese Einschränkungen meiner Lebensqualität in Kauf zu nehmen. Mein letztes MRT hat nämlich ergeben, dass es keine neuen Läsionen im Gehirn gibt. Und das ist so, so gut. Offensichtlich hat der Schub von Januar/Februar keine bleibenden Spuren im Gehirn hinterlassen. Was will ich mehr?! HWS und BWS wurden jetzt zwar nicht gescannt, aber das Wichtigste ist mir ohnehin, dass ich weiß, was in meinem Kopf los ist. Die Bilder, die ich zu sehen bekam, zeigen, dass das Rebif44 augenscheinlich genau das tut, was es soll. Und da dem so ist, kann ich die Nebenwirkungen bestens tolerieren.

Mit der Fatigue muss ich leider ebenfalls weiterhin leben. Es gibt wohl sowas wie „Hallo-Wach-Pillen“, aber die sind laut meinem Neurologen ziemliche Hämmer und ich will meinem Körper nicht noch mehr Chemie zumuten. Irgendwie werde ich mich mit dieser Müdigkeit schon arrangieren. Momentan hält sie mich jedoch leider mehr als ich möchte von so etwas wie einem sozialen Leben fern (und so ein Satz von einem Hardcore-Introvert…).

Arrangieren muss ich mich momentan auch damit, dass mein Immunsystem und mein Arbeitsplatz nicht unbedingt gut miteinander harmonieren. Ersteres wird ja durch die Medikamente heruntergefahren und das macht es dann unmöglich, an letzterem unbeschadet zu überleben. In diesem Kalenderjahr war ich quasi noch keinen Tag wirklich gesund. Ständig schniefe, huste, grippiere ich herum. In den Osterferien mussten wir sogar unseren Urlaub abbrechen, da ich zum ersten Mal seit Jahren wieder mal Fieber zur Erkältung bekam. Mitten im KaDeWe, yeah… Dass die gegenwärtige Situation nicht der Weisheit letzter Schluss ist, dürfte klar sein. Aber im Moment ist es, wie es ist und ich kann wohl wenig tun, außer meinen Verbrauch an Handdesinfektionsmitteln weiter in die Höhe zu treiben und mich von meinen kleinen, geliebten Seuchenvögeln möglichst weit fernzuhalten.

Und leider bin ich linksseitig motorisch weiterhin eingeschränkt. Das bedeutet nicht nur, dass mir nach wie vor regelmäßig Sachen aus der Hand fallen, sondern leider auch, dass Gitarre- beziehungsweise Bassspielen völlig undenkbar ist. Mega-nervig. Ich hoffe, dass sich das wieder ändern wird. Falls nicht, hätte ich ein paar Instrumente abzugeben.

Ansonsten sehe ich mich momentan in zwei Punkten bestätigt:

  1. Der Tipp der Uniklinikärztin, bei der Medikamentenwahl nach sorgfältigem Studium der Unterlagen auf mein Bauchgefühl zu vertrauen, war Gold wert. Offensichtlich habe ich ja für mich genau das richtige Medikament ausgesucht.
  2. Die Entscheidung, bei der Arbeit drastisch zu reduzieren und mich auch innerlich deutlicher zu distanzieren, hat im letzten dreiviertel Jahr augenscheinlich positiv zu meiner Verfassung beigetragen. Dass ich mich deutlich weniger einbringe, öfter Fünfe grade sein lasse, mich nur noch um mein Zeug kümmere, Mehrarbeit von mir weise und meine Arbeit wirklich nur als Arbeit betrachte, ist für mich eine völlig neue Erfahrung. Teilweise fällt mir dieser neue Modus unglaublich schwer. Aber er tut meiner Gesundheit so gut… Dafür bin ich auch bereit, das Unverständnis über mich ergehen zu lassen, das mir nach wie vor von diversen Menschen in meinem Umfeld entgegenschlägt. Klar, von einer gesund wirkenden, noch dazu kinderlosen Frau in ihren besten Jahren wird natürlich erwartet, dass sie mit voller Energie arbeitet. Wie soll ein Außenstehender verstehen, dass „mit voller Energie“ bei mir momentan einfach einen Bruchteil dessen bedeutet, was anderen Menschen möglich ist? Und kann ich das überhaupt erwarten, dass Gesunde meine Lage verstehen? Ist es überhaupt wichtig?!

 

Das ist also momentan der Stand der Dinge. Sicher wird das nicht so bleiben. Aber in der Zeit, die vergeht bis neue Wolken am Gesundheitshorizont aufziehen, will ich den Ist-Zustand einfach mal genießen.

Falls du weiter für mich beten möchtest (und dafür wäre ich dir ausgesprochen dankbar), dann bete doch bitte

  • dass die Fatigue weniger wird
  • dass ich an den Tagen nach dem Spritzen nicht immer so zerschossen bin
  • dass ich weiterhin von neuen Schüben verschont bleibe
  • dass ich entspannter mit dem Unverständnis bzw. den Reaktionen mancher Mitmenschen allgemein umgehen kann
  • um Mut und Weitsicht

Danke.