Alltag, der ganz normale Wahnsinn

Wäre schön gewesen

Wäre schön gewesen

Ich hatte mir fest vorgenommen, nichts weiter zum Thema Corona zu schreiben. Leider merke ich immer mehr, dass ich trotzdem muss. Sonst platzt mir irgendwann demnächst die Seele. Und ich fürchte, das gäbe eine riesengroße Sauerei.

Als es mit Corona losging, hatte ich noch die Hoffnung, dass wir diese Situation gemeinsam als Chance nutzen könnten. Dass es einen neuen Zusammenhalt gäbe, neue Wertschätzung füreinander, ein besseres, ehrlicheres Miteinander. Anfangs sah es ja auch noch so aus, doch leider zeigt sich, dass sich die Solidarität in unserem Land binnen kürzester Zeit darin erschöpft hat, dass man an ein paar Abenden auf dem Balkon steht und klatscht (und Klatschen ist bei uns Deutschen ja ohnehin so ein Thema – wie wär’s mit 2+4 statt 1+3 und so…)

Tja, und jenseits dieser netten symbolischen Geste, die nichts kostet außer ein paar Minütchen auf dem Balkon?

Da sehe ich Menschen, die Nudeln und Toilettenpapier hamstern (fun fact: beim Supermarkt bei uns um die Ecke gibt es momentan 50% auf Nudeln, weil sie kein Mensch kauft. Toilettenpapier steht auch palettenweise da). Andere kaufen sämtliche Desinfektionsgels auf, die zwar größtenteils gar nicht gegen Viren helfen, aber was soll’s. Aus den Klimaexperten von gestern sind in Ermangelung des fest eingeplanten Fußball-Cheftrainerpostens über Nacht Weltklasse-Virologen, Bildungsfachleute, Pflegespezialisten und Hygienekoryphäen geworden. Vermutlich wusste der Großteil Letzterer bis vor Kurzem noch nicht mal, dass man sich regelmäßig und ausgiebig die Hände waschen sollte.

Wenn man nun aber schon erkannt hat, dass man selbst mit kleinen Handlungen dazu beitragen kann, dass man das Ansteckungsrisiko reduziert, dann will man mehr. Viel mehr. Man will Masken. Diverse C-Promis promoten sie ja schon länger, warum also nicht auf diesen Zug aufspringen? Dann ist man in, man ist hipp und man kann endlich etwas tun. Endlich hat man was in der Hand … ähm … im Gesicht. Wen interessiert da schon, dass man bei der Wahl des Stoffes, beim Nähen, Aufziehen, Tragen und Reinigen dieser Behelfsmasken (deren Wirksamkeit übrigens nach wie vor nicht wissenschaftlich belegt ist, sondern nur vermutet wird) ein paar Dinge beachten muss? Hauptsache man hat so ein Stück Stoff im Gesicht! Placebo für die Seele. Eben im Park sah ich während meines Morgenspaziergans einen Jogger, der während des Joggens eine Papiermaske trug – völlig durchgeschwitzt und damit unbrauchbar. Aber hey, was soll’s. Einen bösen Blick auf mein unmaskiertes Gesicht konnte er sich dennoch gönnen. Immerhin hat er nicht die Straßenseite gewechselt, wie es so viele neuerdings tun, sobald ihnen ein lebendiger Zweibeiner entgegen kommt.

Ich sehe mehr und mehr Menschen, die lieber irgendwelchen Verschwörungstheorien anhängen, statt sich mit der gegenwärtigen Situation auseinanderzusetzen. Aber dann müsste man sich selbst ja eingestehen, dass man im Leben nichts in der Hand hat. Dass es Dinge im Leben gibt, die weder kontrollierbar noch steuerbar oder gar verstehbar sind. Dann sucht man sich doch lieber einen Schuldigen – ganz egal, ob die US-Demokraten, Bill Gates, ein chinesisches Labor, Flüchtlinge, Chemtrails oder Greta Thunberg.

Alles ist besser als das Gefühl der Hilflosigkeit oder gar die Suche nach echten Lösungen.

Und auch aus der Freude darüber, dass die Bundesregierung endlich reagiert und Regeln aufstellt, die uns in unserer Hilflosigkeit Orientierung geben, wird jetzt, da uns die neuen Verhaltensregeln mehr kosten als fünf Minuten Klatschen und zudem das Wetter endlich besser ist, Murren und Klagen darüber, dass die Regierung es wagt, uns Regeln aufzuerlegen. Schließlich sind wir doch mündige Bürger. Und als solche wollen wir uns bitte nur dann einschränken, wenn es uns passt und eben keine Opfer erfordert. Und wenn es eben irgendwie Nudeln und Toilettenpapier beinhaltet.

(Wenigstens hört man im Moment nichts von der AfD. Man kann nur hoffen, dass auch die letzten 10% kapieren, dass unsere blaubraunen Herrenmenschen nichts Relevantes oder gar Zukunftsweisendes zu bieten haben. Noch leben wir ja Gott sei Dank in Zeiten, in denen Hass und Hetze allein zur Systemrelevanz nicht ausreichen. Noch …)

Und als ob das nicht alles schon ätzend genug wäre, kommen dann auch noch meine lieben Glaubensgeschwister und regen sich mit zunehmender Zahl darüber auf, dass man sich nicht mehr zu Gottesdiensten treffen darf. Ja, es wird gar schon darüber geklagt, dass unsere Religionsfreiheit nun endgültig staatlich eingeschränkt würde (und darauf warten manche ja schon seit Jahren, um sich endlich vermeintlich mit Recht als Opfer und Märtyrer sehen zu dürfen). Wie es eine Einschränkung der Religionsfreiheit sein kann, wenn allerorts Gottesdienste gestreamt werden und heute mehr Menschen denn je die Möglichkeit haben, sich bequem von daheim aus Gottesdienste anzusehen, ohne die Hürde Kirchenschwelle überwinden zu müssen, ist mir schleierhaft. Aber Chancen statt Gefahren zu sehen, scheint mir in Evangelikalien in der Breite ohnehin noch nie wirklich en vogue gewesen zu sein.

 

Das alles frustriert mich ungemein.

Trotzdem glaube ich nach wie vor, dass in der gegenwärtigen Situation eine Chance steckt, die jeder von uns ergreifen kann. Denn genau jetzt ist der Moment gekommen, um zu prüfen, ob unser innerer Kompass noch stimmt.

Wofür lebe ich?  Für Toilettenpapier? Für selbstablenkenden Aktionismus? Für die neueste Verschwörungsschwurbelei? Für mein Ego?

Will ich mein Leben mündig gestalten – was immer beinhaltet, dass ich meinen Verstand benutze, auf das Gemeinwohl achte und rationale Entscheidungen fälle – oder will ich mich lieber bei den Pöblern und Schreihälsen einreihen, die vor lauter Nähe zum eigenen Hemd nicht mehr den Blick über den Tellerrand wagen?

Und falls ich mich als Christ bezeichne: Folge ich Jesus oder meinem Egoismus? Lebe ich Neues Testament oder nur irgendeine Gemeindetradition, die dafür sorgt, dass mir wohlig das Bäuchlein kribbelt?

Während meines Studiums habe ich im ersten Semester gelernt:

„Gelungene Sozialisationsprozesse zeichnen sich aus durch das Vorhandensein von Ich-Stärke[1], Frustrationstoleranz[2] und Ambiguitätstoleranz[3].“

Und gerade weil dem so ist, bereitet mir das, was ich gerade in der Welt um mich herum beobachte, deutlich mehr Sorge als dieses Virus. Wir haben in unserer Gesellschaft ein Problem, das tiefer geht als Covid-19. (Obwohl mich das angesichts dessen, was ich in Lukas 17 und 21 lese, nicht sonderlich wundert – dessen Verbreitung in frommen Kreisen mich jedoch umso mehr bedrückt).

Die „Corona-Krise“ kann eine Chance sein – wenn wir bereit sind, uns darauf einzulassen. Ich kann nur hoffen, dass möglichst viele Menschen wieder anfangen, sich um das zu kümmern, was wirklich wichtig ist.

Und ich bete, dass dieser Weg am Ende möglichst viele wieder zur Wahrheit führt (vgl. Johannes 14:6).

 

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[1] Ich-Stärke = Leistungsfähigkeit des Ichs bei der Anpassung an die soziale Wirklichkeit und bei der Verarbeitung von Belastungen. Mangelnde Ich-Stärke kann eine Bedingung sein für die Entstehung von Neurosen und Psychosen. (https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/ich-staerke/6932 [22.4.2020])

[2] Frustrationsfähigkeit = individuelle Fähigkeit von Menschen, mit Enttäuschungen oder Frustrationen umzugehen (https://lexikon.stangl.eu/2149/frustrationstoleranz/ [22.4.2020])

[3] Ambiguitätstoleranz = Ertragenkönnen von Mehrdeutigkeiten, Widersprüchlichkeiten, ungewissen und unstrukturierten Situationen oder unterschiedlichen Erwartungen und Rollen, die an die eigene Person gerichtet sind. (https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/ambiguitaetstoleranz/743 [22.4.2020])

Vgl. hierzu: Einige Menschen können mehrdeutige und gegensätzliche Sachverhalte nicht ertragen und sind daher unfähig, sich in die Sichtweise anderer Menschen im Sinne eines Perspektivenwechsels hineinzuversetzen, sodass eine starre, unflexible, zwanghafte Haltung vorherrscht. Dabei werden Zwischentöne und komplexe Sachverhalte abgelehnt, da sie die Menschen irritieren, eine Abwehrtendenz, die eng verwandt ist mit einer negativen Einstellung gegenüber Andersartigem und der Ablehnung des kulturell Fremden. (https://lexikon.stangl.eu/12220/ambiguitaetstoleranz/ [22.4.2020])

 

Alltag, mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Resilienzfaktor Akzeptanz

Fakt ist: Krank zu sein macht keinen Spaß. Im Gegenteil. Es ist anstrengend, es nervt und es gibt Tage, an denen möchte man sich in seine Wuthöhle zurückziehen und sich einfach nur selbst bemitleiden. Und an anderen findet man sich in einer Endlosschleife aus „Kann doch gar nicht sein, dass ich unheilbar krank bin“-Gedanken wieder, die einen dazu bringen, immer mehr dummes Zeug zu denken.

Fakt ist aber auch, dass weder Jammern noch Verleugnen etwas bringen. Kurzfristig nehmen sie vielleicht etwas Dampf vom Kessel, aber langfristig sind sie eher destruktiv.

Wenn ich die Realität verleugne, schieße ich mir letzten Endes selbst ins Bein. Natürlich klingt es erst mal total verführerisch, wenn ich mir einrede/ einreden lasse, dass man MS mit der richtigen Ernährung stoppen kann. Dass die richtigen Wunderwässerchen und -pillen zur vollständigen Heilung führen. Dass die Medikamente doch nur Versuche der Pharmaindustrie sind, uns noch kränker zu machen. Oder dass ich mir das leidige Spritzen der Medikamente doch sparen kann, solang ich keine bemerkbaren Symptome habe. Und meinetwegen soll jeder, der das möchte, auch gerne tun.

Ich persönlich halte es für grob fahrlässig.

Bei der Behandlung von MS gilt: je früher die Therapie beginnt, desto besser ist die Prognose bezüglich des Krankheitsverlaufs. Und mit Therapie meine ich nicht die „alternativen“ Wunder-Tinkturen und Zuckerkügelchen, die einem im Internet angeboten werden. Ich meine die Mittel, die sich wissenschaftlich als wirksam erwiesen haben.

Versteh mich bitte nicht falsch: Ich bin ein großer Fan von Naturmedizin. Aber sie muss angemessen sein. Bei einem offenen Bruch gebe ich mich ja auch nicht mit einem Wadenwickel aus Kamillentee zufrieden. (Homöopathie steht für mich auf einem ganz anderen Blatt. Aber das ist hier nicht das Thema).

Noch mal: MS-Medikamente sind notwendig, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Meine Argumente für die Einnahme von Medikamenten findest du im Beitrag Medikamente – ja oder nein?

Wenn ich nicht bereit bin, meine Krankheit als das zu akzeptieren, was sie ist, nämlich unheilbar und chronisch, versage ich mir selbst die Hilfe, die ich eigentlich benötige. Und öffne so Folgen Tür und Tor, die ich im Moment vielleicht gar nicht überblicken kann.

Den Kopf unter die Decke zu stecken, damit einen die Monster nicht finden, mag nach Alpträumen, bei unbekannten Geräuschen in der Nacht oder auch nach einem The Walking Dead-Marathon, der etwas eskaliert ist, halbwegs funktionieren. Die MS dagegen wird garantiert nicht von ihrem marodierenden Werk in meinem Gehirn ablassen, nur weil ich mir einrede, dass nicht existiert, was ich nicht sehe.

Ich kann meinen Gegner erst bekämpfen, wenn ich ihn sehe. Ebenso kann ich eine Krise nur wirksam angehen, wenn ich akzeptiere, dass sie da ist und nicht von selbst wieder verschwindet.

Um mit der MS langfristig sinnvoll umzugehen, muss ich also akzeptieren, dass ich sie habe. Dass ich krank bin. Dass da Dinge in meinem ZNS passieren, die ich nicht möchte. Dass mein Gesundheitszustand nicht so ist, wie ich ihn haben möchte, und mir in der Zukunft unter Umständen Dinge blühen, die ich so ganz und gar nicht erleben will.

Was ich will oder nicht, interessiert die MS nicht. Gleiches gilt für mein Gejammer. Sie steht bestimmt nicht irgendwann an einem Sonntagnachmittag mit Blumen vor der Tür und entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten, die sie mir gemacht hat, weil sie sich in mein Gehirn geschlichen hat, ohne sich vorher die Füße abzuputzen.

Wie gehe ich also mit ihr um?

Ich akzeptiere, dass sie da ist.

Ich akzeptiere, dass sie gekommen ist, um zu bleiben.

Ich akzeptiere, dass sie sich schon einen gewissen Anteil meines Lebens geraubt hat.

Aber:

Sie bleibt zu meinen Bedingungen. Ich weiche keinen Zentimeter weit zurück. Nicht ohne Kampf.

Statt zu jammern schleife ich meine Waffen. Ich hau mir dreimal pro Woche die Spritzen rein, schlucke täglich meine Tabletten, akzeptiere, dass das jetzt eben dazugehört. Und dann wird gekämpft. Mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen.

Mir hilft es ungemein, die MS als Teil von mir anzusehen. Ungewollt, unwillkommen, unbequem, aber eben da. Ich werde sie nicht los, also wird sie integriert. Und zwar so unaufwändig und unaufgeregt wie irgend möglich. Manchmal nenne ich sie „MistStück“, manchmal „MS Lebenslänglich“, manchmal „Mehr Segen“. Mal ist sie das nervige Kleinkind in der Trotzphase, das nachts kreischend auf meiner Bettdecke herumhüpft, weil es keine Kekse bekommt, mal die fette, inkontinente Katze, die auf meinem Schoß eingeschlafen ist und mich daran hindert, aufzustehen, um die von Katzenpisse stinkenden Klamotten loszuwerden.

Sie ist da. Sie nervt. Sie will die Kontrolle übernehmen.

Aber vergiss es, MistStück. Das hier ist mein Leben und du bist nur ein ungebetener Gast.

 

Alltag, mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Dieses Kribbeln…

Der Sommer ist da. Endlich. Und mit ihm mal wieder totales Chaos in der kleinen Mia. Mein Herz liebt diese warmen Temperaturen nämlich total. Abends auf dem Balkon sitzen, ein kühles Getränk in der Hand, ein warmes Lüftchen um die Nase – herrlich.

Dummerweise sieht meine MS die Sache ganz anders. Mal wieder. Und weil sie ja die Tendenz hat, ihren Willen durchzudrücken, koste es, was es wolle, haut sie auch diesmal wieder voll rein: noch mehr Schmerzen als sonst – dauerhaft natürlich –  und dazu kribbelnde Arme und Beine, die sich seit Tagen ungefähr so anfühlen als wären sie eingeschlafen gewesen und würden jetzt gaaaanz langsam wieder aufwachen. Also kein „Kribbeln im Bauch“ à la Pe Werner, sondern eins in allen Extremitäten. Normal ist dieses eklige Gefühl nach ein paar Minuten weg. Bei mir hält es eben seit fast einer Woche an. Dafür scheint meine Feinmotorik mir zumindest linksseitig fast komplett abhandengekommen zu sein, Feingefühl inklusive. Dass Taubheitsgefühle und Kribbeln gleichzeitig möglich sind, war mir bis Anfang der Woche so auch noch nicht klar gewesen. Wieder was gelernt.

Diese körperlichen Symptome nerven zwar, aber mein Seelenleben belastet mich viel mehr. Normalerweise antworte ich auf die Frage „Wie geht es dir?“ mit „Seelisch gut.“ Was sonst auch immer stimmt. Diese Woche aber nicht. Keine Ahnung, was da los ist, aber seitdem es warm ist, bin ich streckenweise richtig depri drauf.  Und das nervt. Zum einen, weil eine depressive Stimmung ja nie schön ist, zum anderen, weil es eigentlich gar keinen Grund dazu gibt. Mir geht es ja rational betrachtet echt gut.

Aber so ist sie, die MS. Sie schert sich nicht sonderlich um rational. Oder um meine Wünsche.

Womit die MS nun leider nicht gerechnet hat, als sie beschloss, sich in mir niederzulassen, war die Tatsache, dass ich auch ziemlich gut darin bin, meinen Kopf durchzusetzen. Was ja angesichts der MS und dessen, was sie mit meinem wunderschönen Gehirn vorhat, doppelt wichtig ist.

Trübe Gedanken vertreibt man nicht mit Trübsalblasen, sondern indem man aktiv wird und schaut, was einem guttut. Und die Zeiten, in denen ich glaubte, Traurigkeit sei ein unauslöschlicher Teil von mir, sind Gott sei Dank auch lang vorbei. Will ich nicht. Das Leben ist zu schön und kurz, um auch nur eine Sekunde mit negativen Gedanken zu verschwenden.

Und deshalb mache ich es mir an diesem langen Wochenende extra schön. Mit vielen gekühlten Getränken, noch mehr Eis, dem einen oder anderen Stephen King Buch und und und.

Wer weiß: vielleicht rutscht das Kribbeln dann von den Armen und Beinen dann sogar auch noch in den Bauch. Den das Leben ist und bleibt schön.

Alltag, Ärzte, Therapie & Co., Multiple Sklerose

Außer Kontrolle

Wenn man eine Krankheitsdiagnose erhält, fühlt man sich zunächst einmal ziemlich hilflos. Von einer Sekunde auf die andere wird man von einer Vielzahl an Emotionen, Fragen und Ängsten überrollt, für die man im Grunde gar keine Zeit hat. Denn normalerweise geht ja mit der Diagnose sofort die Behandlung los. Das ist ganz schön überfordernd und nicht selten stellt sich ein Gefühl von Kontrollverlust ein.

Man ist in diesem Moment ausgeliefert:

  • der Krankheit
  • den Ärzten
  • den eigenen Gefühlen und Ängsten
  • dem ebenfalls überforderten, aber nicht immer empathischen Umfeld

Keine Ahnung, wie es dir geht, aber ich hasse Kontrollverlust. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben und halte mich für den einzigen Menschen, der das Recht hat, darüber zu bestimmen, was in meinem Leben passiert.

Tja. Sag das mal der MS. Die ist kein Mensch und deshalb ist es ihr herzlich egal, was ich von ihrer Invasion in meinem Leben halte.

Also muss eine Bewältigungsstrategie her. Und die ist immer sehr individuell.

Meine war und ist die rationale Auseinandersetzung mit dem Thema. Das heißt: Rückzug in meinen persönlichen Ruheraum und Recherche verlässlicher Quellen.

Für mich sind diese verlässlichen Quellen meine MS-Spezialistin an der Uniklinik, meine MS-Schwester und die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft DMSG.

Bei der DMSG arbeiten seit den 50er Jahren Fachleute unter anderem daran, die MS-Forschung voranzutreiben und zugleich die Patienten auf dem neuesten Stand dieser Forschung zu halten. Hier (www.dmsg.de) gibt es aktuelle Informationen zu beinahe jedem Thema, das einen MS-Patienten beschäftigt.

Bei der Recherche ist es allerdings wichtig daran zu denken, dass Multiple Sklerose eine wunderbare Möglichkeit ist, um Geld zu verdienen. Vor allem, wenn man sich die aktuell gefühlte Hilflosigkeit der Patienten zunutze macht.

Daher ist es meiner Ansicht nach natürlich vernünftiger, sich an die Informationen des Interessenverbandes für MS-Erkrankte zu halten, als an Informationen, die von finanziellen Interessen geleitet sind.

 

Wie gesagt: Eine Krankheitsdiagnose geht meistens mit Überforderung und einem Gefühl des Kontrollverlusts einher. Und was mache ich, wenn ich das Gefühl habe, die Kontrolle zu verlieren?

Ich suche mir Möglichkeiten, die mir vermeintlich wieder die Kontrolle zurückbringen.

Und hier ist natürlich das Thema Ernährung ganz vorne mit dabei.

Weil Ernährung so ein lukratives Thema ist, findet man im Internet Unmengen an angeblichen MS-Diäten. Zwar informieren sowohl die DMSG als auch andere vertrauenswürdige Interessenverbände eingehend darüber, dass es keine MS-Diät gibt, aber das stößt allzu häufig auf taube Ohren. Man muss doch etwas tun können, um zu verändern, was nicht änderbar ist …

Und so tummeln sich Behauptungen von „Iss kein Weizenmehl und keine Eier“ und „Lass sämtliches Gluten weg“ über wahlweise „Ernähre dich vegan!“ oder „Nur Atkins ist der Weg“ bzw. „Paleo-Ernährung heilt MS“ bis hin zu  „Mit dieser Wunderformel werden Sie geheilt“ für jeden lesbar im Internet und in Büchern, die man für teuer Geld kaufen soll.

Das Problem an der Sache ist nur: MS kann nicht mal eben durch das Weglassen bestimmter Nahrungsmittel oder Inhaltsstoffe geheilt werden. Und Symptomfreiheit bedeutet nicht Heilung. Wenn es so einfach wäre, wären wir alle glücklich. Aber so funktioniert MS nicht.

Trotzdem hat Ernährung einen Einfluss, den man nicht unterschätzen sollte. Nicht nur auf die MS, sondern auf den gesamten Organismus, auf Körper und Psyche. Das ist bei jedem Menschen so.

Und das bedeutet, man muss einfach nur ausgewogen und gesund essen.

Am einfachsten geht das, indem man die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin befolgt:

  • Wenig Fleisch, regelmäßig Fisch
  • Eiweißzufuhr möglichst durch pflanzliche Eiweiße (Tofu, Hülsenfrüchte, Kartoffeln)
  • Hochwertige, mehrfach gesättigte Fettsäuren (Öle & Fischöl) statt gesättigter Fette (tierische Fette oder Industriefette)
  • Zucker reduzieren. Kohlehydrate über Obst, Gemüse, Reis und Vollkornprodukte holen.
  • Ballaststoffreiche Nahrung (Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Salate)
  • 2 Liter pro Tag trinken

Und dabei gilt natürlich zu beachten, dass man sich am Ende des Tages nicht mehr Energie über Nahrung zuführen sollte, als man über Aktivität verbraucht.

Gar nicht so kompliziert, oder?

Besonders gut kann man diese Empfehlungen einhalten, wenn man selbst kocht.

Und damit meine ich nicht, dass man eine selbst gekaufte Fertigpizza warmmacht, sondern ich mein richtiges Kochen. Mit Schnippeln, Braten, Kochen, Würzen, Abspülen. So weiß ich, was in meinem Essen drin ist und kann auf hochwertige Zutaten achten. Abgesehen davon entspannt Kochen ungemein – und Entspannung ist immer gut.

Natürlich kann ich nachvollziehen, dass es manchen Menschen hilft, sich an eine bestimmte Diät zu halten, sei es nun ketogen, vegan, GLYX oder sonst wie. Letzten Endes gehen sie von den Grundlagen her in eine ähnliche Richtung: Kohlehydrate runter, Proteine rauf, gesunde Fette. Gleiches Ziel, grundsätzlich andere Annäherungsweisen. Wer sich damit wohlfühlt, soll sich um Himmels Willen so ernähren. Ich möchte nur zu bedenken geben, in diesem Fall auf eventuelle Mangelernährung zu achten und ihr entgegenzutreten – möglichst ohne künstliche Nahrungsergänzungsmittel.

Und vor allem gilt es zu beachten, dass diese Diäten, so sie sich im Rahmen der Ernährungsempfehlungen bewegen, möglicherweise einen positiven Effekt auf unser Wohlbefinden und auch auf den Verlauf der MS haben. Aber sie heilen MS nicht. Das kann ich nur immer wieder betonen.

Letzten Endes geht es also nicht darum, sich zu kasteien und sich irgendwelchen starren Regeln zu unterwerfen, die angeblich Wundermittel zur Heilung von MS sind. Sturer Verzicht funktioniert auf Dauer nicht (und darauf basieren viele Diäten ja). Schließlich ist für uns Menschen doch seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte immer genau das attraktiv, das wir nicht haben dürfen.

Oder wie meine Tante immer zu sagen pflegt: „Immer Askese ist auch Käse.“

 

Es geht vielmehr um Achtsamkeit.

Um bewusstes Zubereiten und Essen von Lebensmitteln.

Um Wertschätzung für Nahrung und sich selbst.

 

Als ich damals am Tag meiner endgültigen Diagnose meine Spezialistin in der Uni-Klinik fragte, ob ich bei der Ernährung etwas beachten müsste, sagte sie:

„Sie essen das, wonach Ihnen ist und was Ihnen guttut. Hören Sie auf Ihren Körper. Die MS ist jetzt ein Teil von Ihnen. Aber eben nur ein Teil. Also lassen Sie nicht zu, dass diese Krankheit die Kontrolle über Ihr Leben übernimmt. Es ist immer noch Ihr Leben.“

Es ist immer noch dein Leben. Mach das Beste daraus.

Ärzte, Therapie & Co., mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Spast

Eine der Lieblingsbeschimpfungen aller Schüler ist ja Spast. Jedes Mal, wenn ich das Wort höre, frage ich die Schüler: „Weißt du denn, was ein Spast ist?“ Und ich bekomme immer die gleiche Antwort: Ja, klar. Ein Spast ist ein kleiner Vogel.“ (aus: Frau Freitag: Chill mal, Frau Freitag)

 

Eine Sache, die ich wirklich genieße, ist mein täglicher Fußweg zur Arbeit und zurück. Diese 2 bzw. insgesamt 4 Kilometer sind für mich Freiraum und Freiheit. Raum, um morgens fit zu werden (das klappt vor allem im Winter besonders gut), um die Gedanken zu sortieren, zu beten, Musik zu hören und um Abstand von der Arbeit zu gewinnen. Außerdem hat frische Luft ja auch noch nie jemandem geschadet. Sagt zumindest meine Mutter.

Wenn ich diese tägliche Zeit für mich nicht hätte, würde mir echt was fehlen. Umso besorgter war ich, als ich vor einigen Wochen erstmals ein äußerst schmerzhaftes Ziehen in meinem linken Bein verspürte. Ich kannte dieses Gefühl bereits vom letzten Sommerurlaub in Amsterdam, wo wir jeden Tag so 15-20 Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatten. Da hatte ich es allerdings als Zeichen von Übermüdung gedeutet und war davon ausgegangen, dass es verschwinden würde, sobald ich meine Fußwege wieder auf ein vernünftiges Level senke. Mit dem Ende des Urlaubs hatte ich auch wieder Ruhe gehabt. Und jetzt, auf einmal, ging es wieder los.

Am ersten Tag dachte ich noch, dass das bestimmt eine einmalige Sache war, die wieder verschwinden würde, sobald ich nach den langen Sommerferien wieder an den täglichen Fußmarsch gewöhnt war. Leider verschwanden sie nicht wieder, sondern begleiteten mich nun täglich auf meinem Weg zur Arbeit und heim. An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, überhaupt nicht vom Fleck zu kommen und spielte ernsthaft mit dem Gedanken, mich von meinem Mann mit dem Auto abholen zu lassen. (Hab ich allerdings nie gemacht, dazu war und bin ich dann doch zu stolz…) Gleichzeitig wurden die Schmerzen im linken Arm wieder stärker. Meine gesamte Bekanntschaft mit der MS begann ja mit im Februar 2016 mit beinahe unerträglichen Schmerzen und Taubheitsgefühlen linken Arm. Gefühl, Kraft und Feinmotorik sind seitdem nicht mehr vollständig zurückgekommen, aber die Schmerzen waren meistens weg. Jetzt kamen sie wieder öfter, heftiger und mittlerweile nahezu dauerhaft. Immer wieder spürte ich Krämpfe in Arm und Bein, selbst dann, wenn beide völlig entspannt gelagert waren.

Mein erster Gedanke war, dass ich vielleicht eine Thrombose haben könnte. Dann hätten die Schmerzen im Liegen jedoch verschwinden müssen, was sie nicht taten. Einen Schub hielt ich ebenfalls für unwahrscheinlich, weil ich mich dafür insgesamt noch viel zu gut fühlte.

Da ich jetzt nicht so der Typ bin, der Beschwerden gerne hochkocht und ich ohnehin wusste, dass im September ein MRT und ein Gespräch mit der Spezialistin in der Uniklinik anstand, dachte ich, ich warte einfach mal ab, wie sich alles entwickelt. Der Schmerzzustand blieb, so unangenehm er auch war bzw. ist, stabil, mein Nervenkostüm wirkte nicht weniger stark als sonst, und mein Terminkalender ließ ohnehin nicht wirklich Lücken für weitere Arztbesuche.

Der Besuch in der Uniklinik bestätigte, dass die Beschwerden nicht von einem neuen Schub kommen. Dafür, so erklärte man mir, hätte ich neue Symptome entwickeln müssen, das hier waren aber alte Symptome. Nervige, aber eben alte. Meine wirklich großartige Spezialistin (die ich leider nur einmal im Jahr sehe) nahm meine Beschwerden dennoch ernst und wusste zudem auch sofort, was los ist.

Die Krämpfe und die daraus resultierenden Schmerzen sind… Taddaaaa… beginnende Spastiken. Vermutlich ausgelöst von der alten Läsion im Rückenmark.

Wie immer bin ich erst mal erleichtert, dass ich die (vergleichsweise harmlose) Ursache dieser neuen Beschwerden jetzt kenne. Auf eine weitere Runde am Kortison-Tropf hab ich aktuell nämlich echt keine Lust. Statt Kortison bekomme ich jetzt Muskelrelaxantien. Direkt zu meinen Tabletten gab es einen Therapieplan, der mir sagt, wie ich die Dosis meiner Tabletten steigern soll. Dieser ist aber, wie man mir sagte, nur ein Vorschlag. Ich soll selber experimentieren, was mir guttut, wann ich eine positive Wirkung spüre und womit ich mich wohlfühle. Sobald ich diese Dosierung kenne, soll ich sie beibehalten. Wird natürlich gemacht.

Mittlerweile habe ich jetzt so viele Tabletten, die ich schlucken muss, dass ich mir erst mal einen Medikamentendosierer bestellt hab. Ich Schussel vergesse sonst eh nur wieder die Hälfte. Und dann kann ich es auch gleich ganz lassen…

Wie immer muss ich feststellen, dass auch diesmal Timing, Beratung und Behandlung mal wieder einwandfrei waren. Und ich bin überaus dankbar, wie das alles wieder gelaufen ist. Natürlich wäre es schöner, gesund zu sein und mich gar nicht mit diesem Mist auseinandersetzen zu müssen. Aber das wären 10cm mehr Körpergröße und sportliche Fähigkeiten, die das Gehen auf ebener Strecke übersteigen, auch. Das Leben ist eben kein Wunschkonzert und es könnte in der Tat alles noch viel, viel schlimmer sein.

 

Ich bin ein kleine Spast, und nehm das ganz gefasst. Piep, piep, piep, weil ich weiß, dass Gott mich liebt.