Alltag, der ganz normale Wahnsinn

ein kleines bisschen Gottvertrauen

In der vergangenen Woche bin ich von mehreren Mitchristen gefragt worden, wie ich denn mit dem Coronavirus umgehe. Immerhin sei ich ja vorerkrankt. Ich habe sie ehrlich gesagt nur einigermaßen verständnislos angeschaut.

Zum einen, weil ich meines Wissens nicht zu dem Kreis der „Vorerkrankten“ gehöre, für die das relevant wäre. Zum anderen, weil mich der Umgang mit dem Thema echt nervt. Ich glaube, wir alle täten gut daran, wenn wir uns erst mal entspannt mit den bisher bekannten Fakten über das Coronavirus beschäftigen würden, statt unsere Amygdala, unser hirninternes Stresszentrum, auf jede neue Schlagzeile und jeden neuen Impuls hin eskalieren zu lassen.

Unser Leben hängt doch ohnehin die ganze Zeit an einem seidenen Faden. Wirklich unter Kontrolle haben wir, wenn wir ehrlich sind, auch nichts. Wir sind nur unfassbar gut darin, beides zu ignorieren.

Zu dem Umstand, dass ich die Dinge eher rational als emotional betrachte (laut meinem Mann verwandle ich mich in regelmäßigen Abständen in „Ratio, den Vernunftdrachen“), gesellt sich mein Glaube.

Christsein ist für mich kein Festhalten an etwas, das „jüdisch-christliche Tradition“ genannt wird (und von dem ich beim besten Willen nicht weiß, das was eigentlich konkret sein soll), kein Aufbauen bzw. Beschützen eines sogenannten „christlichen Abendlandes“ (ein Konstrukt, das sich meinem Verständnis noch mehr entzieht), oder ddas Bestreben, mit frommen Floskeln und dem sinnlosen Versuch, sich mittels der Einhaltung irgendwelcher Gesetze (neu ausgedacht oder aus dem Alten Testament entnommen) Gottes Wohlwollen zu erlangen, ansonsten aber das Leben aus eigener Kraft, nach eigenem Gutdünken und unter der eigenen Kontrolle zu gestalten. Die Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.

Für mich bedeutet (heute) Christ zu sein, dass ich auf Jesus Christus vertraue und mich durch ihn, seinen Geist und sein Wort verändern lasse. Dass ich das, was in der Bibel steht, in meinem Leben integriere – in mein Denken, mein Reden, mein Fühlen, mein Handeln. Alles soll in Abhängigkeit von ihm geschehen, in der festen Überzeugung, dass er das Beste für mich im Sinn hat.

Das heißt im aktuellen Fall: Auf dem Laufenden bleiben (rki.de) Händewaschen, Abstand halten, gesund ernähren und darauf vertrauen, dass alles gut wird.

Denn egal, was in diesem Leben auf mich zukommt – seien es Krankheiten, Katastrophen, Kriege oder sonst was, ich weiß mich in allem und über den Tod hinaus in der Hand dieses liebenden Gottes, von dem ich in der Bibel lese.[1] Weshalb also sollte ich mir Sorgen machen?

Klingt naiv? Mag sein. Aber ich bin lieber rational informiert und naiv glücklich, als mir das bisschen Zeit, das ich habe, mit Angst, Hass und Panik zu versauen.

 


[1] Ich höre schon den Aufschrei mancher Leser: „Gott liebend? Eher ein Sadist!“ Aber denen kann ich nur empfehlen, die Bibel noch mal ergebnisoffen und mit Kontext zu lesen. Für ehrliche Nachfrage und zivilisierte Diskussionen bin ich jederzeit offen. Kontaktaufnahme gerne per Mail.

der ganz normale Wahnsinn, MS, mein Umfeld und ich, Multiple Sklerose

„Voll gut“ recherchiert

Eine Sache finde ich in Bezug auf Krankheiten im Allgemeinen und MS im Speziellen ja immer ganz besonders großartig: Wenn Gesunde mir gegenüber mit ihrem Detail-Wissen über meine Krankheit auftrumpfen wollen.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob es ein Versuch ist, Zuneigung zu zeigen, oder eher ein Bemühen darum, kein „Outsider“ zu sein. Im Grunde ist es aber auch egal, es nervt in jedem Falle.

Neulich hatte ich mal wieder so einen Fall. Nachdem ich schon zwei Wochen mit einer Erkältung herumlaboriert hatte, wegen der ich auch eineinhalb Tage daheim geblieben bin (jaja, klingt wenig, ist für mich aber ein riesiger Erfolg), habe ich es zusätzlich noch geschafft, mir beim Lieferservice gepflegt den Magen zu verderben. Nichts Dramatisches. Nur halt Magenschmerzen, Kopfweh und 39,4 Fieber.

Und eine wohlmeinende Bekannte (eine von der immer ganz besonders bemühten Sorte) sagt da doch allen Ernstes zu mir: „Na, ich hoffe, das löst keinen Schub aus. Das kann bei Fieber ja passieren.“

Richtig ist, dass akute fieberhafte Infekte unter Umständen dazu beitragen können, dass es zu einem neuen Krankheitsschub ist.

Richtig ist aber auch, dass man sowas nicht sagt.

Warum?
Jeder MS-Erkrankte weiß im Normalfall über seine Krankheit Bescheid, weshalb es vollkommen unnötig ist, dass jemand, der nicht betroffen ist, mich über meine Krankheit aufklären will (Spoiler:Wir chronisch Kranken leben damit. Jeden Tag. Und wir erleben die Krankheit dementsprechend hautnah. Real. Durchgehend.).

Es gibt für Gesunde keine Fleißkärtchen, wenn sie theoretisches Wissen über meine Erkrankung sammeln und wild mit ihnen um sich werfen. Zumindest nicht von mir. Vielleicht handhaben das andere MS-Patienten anders.

Dazu kommt, dass viele MS-Patienten mit Ängsten und depressiven Gedanken zu tun haben, noch dazu, wenn es ihnen aufgrund eines zusätzlichen Infekts nicht gut geht (ich jetzt Gott sei Dank nicht, aber ich kenne Leute, denen es so geht). Welchen positiven Nutzen soll es bitte haben, einen MS-Patienten in so einer Situation auf das absolute Worst-Case-Szenario hinzuweisen?

Hier ein paar Situationen, die ähnlich unangebracht wären, in die man sich als gesunder Mensch vielleicht eher hineinversetzen kann:

Man sagt…

  • … zu einem Fahranfänger vor seiner ersten Fahrt ohne Begleitung: „Pass aber ja auf, dass du keinen Unfall machst. Du hast doch noch dein ganzes Leben vor dir.“
  • … einem Prüfling (möglichst einem mit Prüfungsangst) vor seiner Abschlussprüfung: „Das wäre jetzt echt doof, wenn du durchfällst. Ich mein, dann wäre ja alles umsonst gewesen.“
  • … zum Brautpaar: „Na hoffentlich hält eure Ehe. Mittlerweile lassen sich ja 50% der Paare irgendwann wieder scheiden.“
  • … zu einer Schwangeren: „Da kann man nur hoffen, dass bei der Geburt alles gutgeht. Es gibt ja so viele Komplikationen … da macht man sich gar keine Vorstellung von.“

 

Was ich damit sagen möchte:

Toll, wenn ihr euch interessiert und informiert. Toll, wenn ihr unsere Krankheit nicht einfach ausblendet und versucht, Anteilnahme zu zeigen. Aber überlegt doch bitte (wie immer im Leben), ob das, was ihr sagt, für den Betroffenen wirklich hilfreich ist. Und wenn nicht, dann bitte: Klappe halten. Danke.

der ganz normale Wahnsinn

Funktioniert doch

Mit meinem Mann zog auch die moderne Unterhaltungstechnik in mein Leben ein – Netflix, Prime, dazn, Sky-Abo, was das Herz eben so alles begehrt. Schon der alte Sky-Receiver hatte eine besondere Stellung bei uns daheim. Er durfte nämlich nicht angefasst werden, am besten nicht einmal scharf angesehen. Er könnte es einem ja übelnehmen und nicht mehr richtig funktionieren. Wenn ich gemein wäre, würde ich sagen: „Ich wünschte, mein Mann würde mich mal so sehr lieben wie sein Technikspielzeug.“ Aber das wäre völliger Unsinn und das weiß ich auch. Schließlich hieße das ja, dass er mich weder anfassen noch ansehen würde. Und das wäre auf Dauer ja auch etwas langweilig. (Außerdem liebt mein Mann mich wirklich sehr und ich bin froh, das ich ihn habe).

Seit neuestem besitzen wir eine Sky-Q-Box. Die wurde natürlich sofort an unseren viel zu großen Fernseher angeschlossen und seitdem findet die Unterhaltung auch ohne Fernsehprogramm statt…

Mein Mann ist nämlich der festen Überzeugung, dass es nur eine einige richtige Reihenfolge gibt, wie man Q, Fernseher und Soundbar (wir haben natürlich eine Soundbar. Mit Subwoofer.) einschalten darf. Befolgt man sie nicht, reagiert die Fernbedienung des Fernsehgerätes nicht mehr.

Und tatsächlich: schaltet er die Geräte in einer anderen Reihenfolge ein, funktioniert nichts so, wie es soll.

Mir hat er die Reihenfolge mittlerweile sicherlich schon fünfzigmal erklärt. Ich hab sie mir kein einziges Mal gemerkt. Weil sie mir, ehrlich gesagt, auch völlig egal ist.

Der Witz an der Sache ist, dass bei mir die Technik immer funktioniert. Vermutlich könnte ich sogar alle drei Einschaltknöpfe gleichzeitig drücken (was in Ermangelung einer dritten Hand und rudimentärer Fähigkeiten im Bereich der Feinmotorik nie klappen wird) und trotzdem liefe alles einwandfrei. Und das vermutlich aus nur einem Grund: Ich mache mir nicht so viele Gedanken drum. Es ist Technik, sie muss funktionieren. Und wenn sie nicht funktioniert, wird so lange an- und ausgeschaltet, bis es funktioniert.

Und da dachte ich dann: vielleicht sollte ich es im echten Leben auch mal genauso halten. Weniger Grübeln, weniger überlegen, was alles schiefgehen könnte, was die einzig richtige Reihenfolge für meine Entscheidungen sein muss und und und.

Wie sagte schon Stromberg? Einfach mal locker durch die Hose atmen.

Und wenn es dann doch mal schiefgeht: ausschalten und neu starten, bis es irgendwann funktioniert. 😊