Alltag, der ganz normale Wahnsinn

ein kleines bisschen Gottvertrauen

In der vergangenen Woche bin ich von mehreren Mitchristen gefragt worden, wie ich denn mit dem Coronavirus umgehe. Immerhin sei ich ja vorerkrankt. Ich habe sie ehrlich gesagt nur einigermaßen verständnislos angeschaut.

Zum einen, weil ich meines Wissens nicht zu dem Kreis der „Vorerkrankten“ gehöre, für die das relevant wäre. Zum anderen, weil mich der Umgang mit dem Thema echt nervt. Ich glaube, wir alle täten gut daran, wenn wir uns erst mal entspannt mit den bisher bekannten Fakten über das Coronavirus beschäftigen würden, statt unsere Amygdala, unser hirninternes Stresszentrum, auf jede neue Schlagzeile und jeden neuen Impuls hin eskalieren zu lassen.

Unser Leben hängt doch ohnehin die ganze Zeit an einem seidenen Faden. Wirklich unter Kontrolle haben wir, wenn wir ehrlich sind, auch nichts. Wir sind nur unfassbar gut darin, beides zu ignorieren.

Zu dem Umstand, dass ich die Dinge eher rational als emotional betrachte (laut meinem Mann verwandle ich mich in regelmäßigen Abständen in „Ratio, den Vernunftdrachen“), gesellt sich mein Glaube.

Christsein ist für mich kein Festhalten an etwas, das „jüdisch-christliche Tradition“ genannt wird (und von dem ich beim besten Willen nicht weiß, das was eigentlich konkret sein soll), kein Aufbauen bzw. Beschützen eines sogenannten „christlichen Abendlandes“ (ein Konstrukt, das sich meinem Verständnis noch mehr entzieht), oder ddas Bestreben, mit frommen Floskeln und dem sinnlosen Versuch, sich mittels der Einhaltung irgendwelcher Gesetze (neu ausgedacht oder aus dem Alten Testament entnommen) Gottes Wohlwollen zu erlangen, ansonsten aber das Leben aus eigener Kraft, nach eigenem Gutdünken und unter der eigenen Kontrolle zu gestalten. Die Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.

Für mich bedeutet (heute) Christ zu sein, dass ich auf Jesus Christus vertraue und mich durch ihn, seinen Geist und sein Wort verändern lasse. Dass ich das, was in der Bibel steht, in meinem Leben integriere – in mein Denken, mein Reden, mein Fühlen, mein Handeln. Alles soll in Abhängigkeit von ihm geschehen, in der festen Überzeugung, dass er das Beste für mich im Sinn hat.

Das heißt im aktuellen Fall: Auf dem Laufenden bleiben (rki.de) Händewaschen, Abstand halten, gesund ernähren und darauf vertrauen, dass alles gut wird.

Denn egal, was in diesem Leben auf mich zukommt – seien es Krankheiten, Katastrophen, Kriege oder sonst was, ich weiß mich in allem und über den Tod hinaus in der Hand dieses liebenden Gottes, von dem ich in der Bibel lese.[1] Weshalb also sollte ich mir Sorgen machen?

Klingt naiv? Mag sein. Aber ich bin lieber rational informiert und naiv glücklich, als mir das bisschen Zeit, das ich habe, mit Angst, Hass und Panik zu versauen.

 


[1] Ich höre schon den Aufschrei mancher Leser: „Gott liebend? Eher ein Sadist!“ Aber denen kann ich nur empfehlen, die Bibel noch mal ergebnisoffen und mit Kontext zu lesen. Für ehrliche Nachfrage und zivilisierte Diskussionen bin ich jederzeit offen. Kontaktaufnahme gerne per Mail.

Alltag, Ärzte, Therapie & Co., mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Abenteuer Reha – Teil 2

„Kein Problem“, dachte ich, naiv wie ich bin, und stürzte mich ins Internet, „Mal eben Frau Google fragen, das Formular runterladen und ab dafür. Easy.“

Tja … dummerweise gibt es nicht das Formular. Es gibt sieben Formulare. Zwei davon füllt der Arzt aus, eins die Krankenkasse und die übrigen fünf, richtig, ich.[1]

Von der Fülle an Papier fühlte ich mich erst mal so erschlagen und überfordert, dass ich gleich wieder einen Rückzieher machen wollte. Es folgten drei Tage schlechte Laune (an dieser Stelle möchte ich meinen Mann grüßen und ihm für seine unfassbare Geduld mit mir danken. Toller Kerl. Solltet ihr mal kennen lernen.).

Letzten Endes hat mir genau diese Dünnhäutigkeit, die im Nachhinein betrachtet absolut lächerlich war, deutlich gezeigt, dass eine Reha vielleicht ja gar keine so schlechte Idee ist. Unterstützt wurde das von meiner Reha-erprobten Tante, die mir mit Kommentaren wie: „Wenn du keinen Bock auf die Leute da hast, dann gehste halt spazieren und tapezierst dein Schneckenhäuschen von innen neu“ Mut für eine Reha machte.

Nachdem ich also mit meinem kleinen Schmoll- und Trotzanfall fertig war, setzte ich mich an die Formulare. Die erste Hürde zeigte sich sofort: Wo um alles in der Welt finde ich denn meine Versicherungsnummer von der Rentenversicherung?! Als ich die gefunden hatte, war es eigentlich ziemlich easy. Mithilfe des letzten Arztbriefs der Spezialistin brauchte es nur knappe zwei Stunden, bis alles soweit ausgefüllt war. Mein Job war erst mal erledigt.

Nun fehlte noch das Formular von der Krankenkasse. Wo sollte ich das denn bitte eingeschickt werden? Ein kurzer Blick auf die Internetseite meiner Krankenversicherung verriet mir, dass man nur anrufen muss, um dieses Formular ausgefüllt zugeschickt zu bekommen. Das wollte ich dann tun, wenn ich alle anderen Unterlagen beisammenhätte.

Vor allem war aber die Frage, wann ich den Antrag einreichen sollte. Ich will nämlich im Juni in die Kur. Das ist aktuell der einzige Monat, in dem ich keinen von langer Hand geplanten und schwer verschiebbaren Arzttermin habe. Was also tun? Ich wollte die Hausärztin fragen.

Die war total begeistert davon, dass ich schon alles soweit im Voraus ausgefüllt hatte. Dass das auf ihre Bitte hin geschehen war, schien ihr nicht mehr präsent zu sein, aber das ist auch nicht verwunderlich. Wir sehen uns ja immer nur bei der Blutabnahme.  Auf jeden Fall hat sie sich gefreut. Beim Formular zur Kostenabrechnung wies ich sie darauf hin, dass ich vorsichtshalber das Formular für die Rentenversicherung Bund und das für Hessen ausgedruckt hatte. Ich war mir nämlich absolut nicht sicher, wer für die Abrechnung meiner Ärztin zuständig war. Davon, wo die ganzen Formulare hingehen sollten, schon mal ganz abgesehen. Ich war aber, naiv wie ich bin, einfach mal davon ausgegangen, dass meine Hausärztin als Profi das schon wissen würde.  Tja, falsch gedacht. Sie wusste es auch nicht.

Abgesehen davon, dass ich es ziemlich witzig finde, dass ich als Laie scheinbar inzwischen mindestens so viel Ahnung von Reha-Anträgen habe wie meine Ärzte, schwant mir so langsam, weshalb der vor-Ort-Neurologe versucht hat, mir die Reha auszureden: der hatte glaub einfach keinen Bock auf die Antragstellerei.

Um es kurz zu machen: der Brief mit allen Unterlagen ist jetzt endlich weg (hab mich dafür entschieden, alles nach Berlin zu schicken) und nun harre ich der Dinge, die da kommen werden.

Das Abenteuer geht also weiter und deshalb:

Fortsetzung folgt.

 

[1] Die Formulare und ein paar andere wichtige Infos fand ich übrigens auf der wirklich gelungenen Seite www.reha-jetzt.de Keine Ahnung, ob das jetzt Werbung ist. Falls ja, bekomme ich nichts dafür. Eigentlich schade. ;-)

Alltag, mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Resilienzfaktor Zukunftsorientierung

„Jetzt kommt sie auch noch mit Zukunft …“

Ja, kommt sie. Und ich hoffe, dass ich das schaffe, ohne zynisch oder überheblich zu klingen.

 

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, meinen Schülern ab einem gewissen Alter (meistens Klasse 7) zu sagen, dass ich krank bin und was ich habe. Zu Beginn meiner Krankheit habe ich mich sehr davor gescheut, aus Angst, dass es zu komischen Reaktionen kommen könnte. Aber ganz ehrlich: es ist egal, was du als Lehrer tust, sagst oder hast, es wird sich immer jemand finden, der es dir so negativ wie möglich auslegt. Und vermutlich ist das auch bei jedem anderen Beruf so. Also beschloss ich irgendwann, aus der Deckung zu kommen und den Schülern zu erklären, was los ist. Meistens, wenn sie mich fragen, ob ich ihre Klassenlehrerin werden könnte und warum nicht. Oder weshalb ich nicht mit auf Klassenfahrt komme. Die Frage, die dann immer kommt, wenn sie wissen, was MS ist, lautet: „Haben Sie keine Angst?“

Klar, manchmal spüre auch ich sie: die Angst vor der Zukunft. Vor dem, was die MS mit meinem Gehirn und meinem Körper so alles anstellt. Das ist, denke ich, auch ganz normal. Aber ich habe nicht vor, mich von ihr beherrschen zu lassen. Denn dann würde die MS ja auch schon meine Gegenwart kaputt machen – und das mithilfe einer Zukunft, die möglicherweise gar nicht eintreten wird! Ne, ne, nicht mit mir.

Wie immer halte ich es für eine schlechte Möglichkeit, Dinge einfach zu ignorieren. Kann man machen, bringt aber nichts. Gefühle wegzudrücken mag im ersten Moment komfortabel erscheinen, kostet am Ende aber deutlich mehr Kraft (und Gesundheit) als es die Sache wert ist.

Also lieber damit auseinandersetzen.

Ich habe da für mich mehrere Wege gefunden:

Zum einen kalkuliere ich aktiv mit ein, dass mein Leben in zehn, zwanzig Jahren ganz anders aussehen kann als heute. Aber mal ehrlich: das würde es auch ohne eine chronische Krankheit. Mag sein, dass ich irgendwann wegen der MS im Rollstuhl lande. Könnte mir aber genauso gut durch einen Unfall passieren. Oder durch eine andere Krankheit, von der ich heut noch gar nichts weiß. Ich sitze also nicht jeden Tag da und bin bekümmert, weil ich möglicherweise irgendwann nicht mehr laufen kann (was einige Menschen in meinem Umfeld nach wie vor von mir erwarten würden), bin mir aber bewusst, dass das große Schrumpeln so oder so irgendwann beginnt. Das äußert sich beispielsweise darin, dass mein Mann und ich bei der Haussuche bewusst darauf achten, ob das Haus behindertengerecht ist, bzw. umgebaut werden kann. Befinden sich die wichtigsten Räume auf einer Etage? Sind die Türen so breit, dass ein Rollstuhl durchpassen würde? Kann man Treppenlifte einbauen? Wie gesagt: Vielleicht werde ich diese Hilfsmittel nie brauchen. Aber wenn, dann bin ich vorbereitet.

Zur Zukunftsorientierung gehört auch meine berufliche Tätigkeit. Ich liebe meinen Beruf. Wirklich. Aber ich weiß, dass ich ihn nicht bis zur Rente machen kann. Mit jedem Tag merke ich, wie es mir schwerer fällt, mit den täglichen Anforderungen umzugehen. Lehrer sind im Dauerstress. Ja, ich weiß, die öffentliche Meinung sieht das häufig anders, von wegen vormittags Recht und nachmittags frei. Aber die öffentliche Meinung kann mich mal. Als ich noch mit vollem Lehrauftrag gearbeitet habe, waren 50- bis 60-Stunden-Wochen normal. Ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf, bin um 7 Uhr an der Schule und damals habe ich mich an den seltensten Tagen vor 18 Uhr auf den Heimweg gemacht. Das kann und will ich heute nicht mehr. Dazu kommt, dass das schulische Umfeld für jemanden mit angeschlagenem Immunsystem jetzt nicht so das allerbeste Metier ist.

Da ich weiß, dass ich den Job als Lehrerin mittelfristig vermutlich an den Nagel hängen muss, habe ich direkt nach meiner Diagnose begonnen, mich um eine Alternative zu kümmern. Das heißt konkret: diverse zusätzlichen Fortbildungen, Kurse und Qualifizierungen, die mir ermöglichen, auf meine bisherige berufliche Expertise aufzubauen, und mich auf meinem beruflichen Weg hoffentlich irgendwann in die Selbstständigkeit führt. Vorerst nur in Teilzeit, auf jeden Fall aber so, dass ich beruflich entlastet (weil selbstbestimmter) bin und trotzdem genug Geld verdiene, um unabhängig von Mann und Staat leben zu können und nicht später in Altersarmut abzurutschen. Von den vermeidbaren seelischen Aspekten von Untätigkeit mal ganz abgesehen.

Ich entscheide, wohin die Reise meines Lebens geht. Und ich habe beschlossen, dass die MS nicht der Endbahnhof ist. Die Reise geht weiter. Vielleicht langsamer und beschwerlicher als früher, aber das ist okay. Hauptsache, es geht weiter. Und das Ziel ist klar: eine großartige Zukunft.

Und wo geht deine Reise hin?

Alltag, mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Resilienzfaktor Netzwerke

Wir leben immer mehr in einer Zeit der Einzelkämpfer.

Mir scheint, je mehr wir uns im digitalen Raum verlinken, umso mehr sehen wir nur noch uns selbst und tun so, als hätten wir ein makelloses Leben zu präsentieren. Als wären wir so damit beschäftigt, unser perfektes Leben zu genießen, dass wir keine Zeit für irgendwen haben. Wir erzählen nicht vom Urlaub, wir posten ein paar Fotos. Wir tauschen nicht mit echten Bekannten echte Standpunkte aus, sondern pöbeln online fremde Menschen an, die ebenso wenig Interesse an meiner Meinung haben, wie ich an ihrer.

Sogar in so genannten Online-Gruppen, in denen es eigentlich darum gehen soll, dass man sich mit Gleichgesinnten austauscht, geht es mehr als alles darum, selbst gesehen zu werden.

Dabei sind Netzwerke so wichtig. Gerade, wenn es nicht so gut läuft. Doch gerade dann meinen viel zu viele Menschen, dass es besser sei, sich zurückzuziehen. Soll bloß keiner merken, dass man Hilfe braucht …

Diese Einstellung ist meiner Meinung nach die dümmste, die man haben kann.

Schon in der Bibel heißt es in Prediger 4:9-12 „Es ist besser, dass man zu zweit ist als allein, denn die beiden haben einen guten Lohn für ihre Mühe. Denn wenn sie fallen, so hilft der eine dem anderen auf; wehe aber dem, der allein ist, wenn er fällt und kein Zweiter da ist, um ihn aufzurichten! Auch wenn zwei beieinanderliegen, so wärmen sie sich gegenseitig; aber wie soll einer warm werden, wenn er allein ist? Und wenn man den einen angreift, so können die beiden Widerstand leisten; und eine dreifache Schnur wird nicht so bald zerrissen.“

Netzwerke. Gemeinschaften, in denen man sich mit Rat und Tat zur Seite steht. In denen man sich unterstützt. An einander Interesse hat. Teams, in denen jeder seine Stärken einbringt, um dazu beizutragen, dass es am Ende allen besser geht.

Das braucht jeder Mensch, vor allem aber wir Kranken. Und zwar in zweifacher Weise

Erstens: Netzwerke innerhalb der MS-Community

Wie schon mehrfach erwähnt, halte ich es für unbedingt hilfreich und notwendig, sich Informationen und Unterstützung bei der DMSG zu holen. Der Jahresbeitrag ist verschwindend gering, dafür bekommt man jederzeit topaktuelle Informationen aus der Forschung und für den Alltag. Und zwar objektiv und verlässlich.

Ebenso unerlässlich ist ein guter Neurologe. Ich weiß, gute Ärzte sind schwer zu finden. Aber die Suche lohnt sich. Ein guter Neurologe ist für mich jemand, der ebenfalls auf dem neuesten Stand der Forschung ist, der sich bei der Anamnese Zeit nimmt und mir auch mal sagt, wenn ich mich zu sehr verrenne. Er muss mir menschlich nicht zusagen, schließlich will ich ihn weder heiraten noch eine Eisdiele mit ihm eröffnen. Aber er muss fachlich kompetent sein und wissen, was er tut. Dann gehört er auf jeden Fall rein ins Netzwerk.

Die MS-Schwester, die man von seinem Medikamentenhersteller zur Verfügung gestellt bekommt, kann ebenfalls Teil dieses Netzwerks sein, gibt sie doch medizinische und mentale Unterstützung, die vom Neurologen eher weniger kommen.

Auch der Austausch mit anderen Kranken kann hilfreich sein. Allerdings sollte man hier aufpassen, an wen man gerät. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Selbsthilfegruppen mich eher runterziehen, als dass sie mich aufrichten würden. Eben weil doch sehr viel gejammert und wenig auf das Positive geguckt wird. Zumindest bei denen, die ich kennen gelernt habe. Für manche Menschen mag das auch hilfreich sein, für mich ist es eher belastend. Ich rede lieber mit Menschen in meinem Bekanntenkreis, die an MS erkrankt sind, und bei denen ich weiß, dass sie auch keine Lust auf Selbstmitleid und Krokodilstränen haben. Mit Humor geht einfach vieles leichter.

Zweitens braucht jeder Netzwerke außerhalb der MS-Community.

Das sind dann die Leute, die da sind, wenn es einem schlechter geht. Leute, die dich, falls nötig, zum Arzt fahren, die während der Cortison-Therapie vorbeischauen und fragen, wie es dir geht. Es sind die, die Rücksicht auf deine Krankheit nehmen, dich aber nicht auf die Krankheit allein reduzieren. Menschen, mit denen du Qualitätszeit verbringen kannst, wenn es dir gut geht, die dir aber auch nicht böse sind, wenn du kurzfristig absagen musst, weil an dem Tag einfach nichts mehr geht. Die, die dich an das Schöne im Leben erinnern und die im Grunde jeder braucht.

Und es sind vielleicht auch Menschen mit anderen Krankheiten, die dich daran erinnern, dass es Krankheiten gibt, bei denen man deutlich mehr Grund zum Jammern hat, und wie gut es einem doch geht. Ich denke, wir sollten uns auf jeden Fall krankheitsübergreifend vernetzen, um uns auch dort gegenseitig zu unterstützen und zu verstehen. Denn auch, wenn die eigene Krankheit eine andere ist, verstehe ich mein Gegenüber vermutlich trotzdem um Welten besser, als der Gesunde, der nur vom Hörensagen weiß, was es heißt, krank zu sein.

Also auf geht’s: Netzwerke knüpfen. Spring über deinen Schatten und lass andere für dich da sein. Und sei du selbst auch für andere da. Denn es ist und bleibt besser, dass man zu zweit ist statt allein.

 

Alltag, mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Resilienzfaktor Verantwortung

Irgendwie ist es in den letzten Jahren wieder total in Mode gekommen, andere für die eigene Lebenssituation verantwortlich zu machen. Frau Merkel ist schuld, die Ausländer, die Illuminaten ….

Ist ja auch so schön einfach. Wenn alle Anderen an meiner Situation schuld sind, kann ich ja auch nichts tun. Und wenn ich nichts tun kann, dann muss ich auch nichts tun.

Und schon steckt man in einer selbstgewählten Untätigkeit und Hilflosigkeit fest, die einem sämtliche Lebensenergie raubt. Der Volksmund weiß: Wer rastet, rostet. Und das gilt, davon bin ich überzeugt, für alle Lebensbereiche.

Keine Verantwortung zu übernehmen klingt im ersten Moment vielleicht verlockend. Aber bin ich wirklich bereit, die Kosten dafür zu tragen und körperlich wie geistig immer unbeweglicher zu werden?

Nein, auf keinen Fall.

Ich kann und will Verantwortung tragen und übernehmen. Zu allererst für mein Leben und für meine Krankheit.

Versteh mich bitte nicht falsch: ich sage nicht, dass jemand, der MS oder eine andere Autoimmunkrankheit hat, „selbst schuld“ daran ist! Auch, wenn manche Impfgegner, Glaubensfanatiker und andere Verschwörungsschwurbler uns einreden wollen, dass die MS logische Folge unseres Verhaltens wäre (darauf erst mal ein Schluck aus der Zuckerwasserflasche).

Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass ich krank geworden bin.

Aber ich bin dafür verantwortlich, wie ich mit der Krankheit umgehe. Und wie ich mit mir umgehe.

MS, das wurde bereits mehrmals gesagt, ist derzeit noch nicht heilbar, wohl aber behandelbar. Die moderne Medizin kennt Unmengen an Möglichkeiten, wie man den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann. Und diese Verantwortung kann, soll, ja, muss jeder Kranke übernehmen.

Es ist meine Verantwortung, mich für oder gegen eine Behandlung zu entscheiden.

Es ist meine Verantwortung, meine Medikamente regelmäßig zu spritzen/ einzunehmen.

Es ist mein Verantwortung, auf mein Stresslevel zu achten, mögliche Alarmsignale wahrzunehmen und entsprechend zu reagieren.

Es ist meine Verantwortung, mich regelmäßig beim Neurologen blicken zu lassen.

Es ist meine Verantwortung, Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen, wo es nötig ist.

Es ist meine Verantwortung, mich gesund zu ernähren und auf einen gesunden Lebensstil zu achten.

Es ist meine Verantwortung, über aktuelle Entwicklungen in Therapie und Forschung auf dem Laufenden zu bleiben.

Und, und, und, und, und.

Du bist nicht das Opfer deiner Umstände. Du bist ihr Gestalter.

Wo kannst du heute für dich Verantwortung übernehmen?

 

Alltag, mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Resilienzfaktor Lösungsorientierung

So, was schreibste denn jetzt? Lösungsorientierung. Bei MS. Was soll es da schon für Lösungen geben? Ist doch unheilbar, der Mist. Was willst du denn da noch lösen? Sterbehilfe in der Schweiz, oder was?

Nein, so dramatisch wird es nicht. Im Gegenteil.

Es ist schon richtig, dass MS aktuell unheilbar ist, man für das große Problem also erst mal keine konstruktive Lösung finden kann.

Aber die MS ist ja so freundlich, uns Erkrankte jeden Tag vor eine Vielzahl von Herausforderungen zu stellen – und für die kann ich Lösungen finden.

Wie gesagt, mir geht es mit meiner MS längst nicht so schlecht, wie vielen anderen. Dennoch war und ist sie äußerst belastend. Gerade während der Zeit rund um meine Diagnose stellte sie für mich ein nahezu unüberwindliches Problem dar, das meine Funktionsfähigkeit im Alltag massiv bedroht hat. Bis dato hatte ich immer nur funktioniert, ganz egal, wie es in mir aussah. Irgendwie hatte ich es immer geschafft, die Kontrolle über mein Leben zu behalten.

Und die war plötzlich weg. Noch bevor ich wusste, was mit mir los ist, habe ich zu meinem damaligen Verlobten (und jetzigen Mann) gesagt: „Wenn ich so weitermache, sitze ich in einem Jahr regungsunfähig in der Ecke und du kannst mir den Sabber vom Kinn wischen.“ Es war eindeutig, dass ich an meine Grenzen gekommen war. Dass ich so nicht mehr weitermachen konnte – oder wollte. Also musste eine Lösung her.

Meine Lösung damals war: Herausfinden, was ist (natürlich) und sofortige Veränderung dessen, was ich beeinflussen konnte. In meinem Fall bedeutete das, dass ich – sehr zum Missfallen meiner Vorgesetzten – meine berufliche Tätigkeit auf 50% herunterschraubte und sämtliche Verpflichtungen, die mich in dem Moment überforderten, abgab. Das war ein großer Schritt, der mir nicht leichtfiel (meine Klasse stand ein Jahr vor dem Abschluss), der aber sein musste.

Es war nicht nur die Lösung für das aktuelle Überforderungsproblem, sondern, wie sich nach der Diagnose herausstellte, eine Maßnahme, mit der ich intuitiv einen Großteil vermeidbaren negativen Stresses aus meinem Leben verbannen konnte. Vor allem merkte ich, wie eine immense Last von mir abfiel und es mir zusehends besser ging.

Dank dieser Erfahrung zu einem sehr frühen Zeitpunkt meiner Erkrankung war mir von Anfang an klar: Ich kann die Dinge beeinflussen. Ich kann auch in Bezug auf die MS Lösungen finden.

Seither bin ich täglich darum bemüht, mein Leben so zu gestalten, dass die MS nicht die Überhand gewinnt. Sie ist ein Teil meines Lebens, aber nicht mein Leben an sich. Es gibt ein Problem? Ich bemühe mich um eine Lösung.

Beispielsweise macht die Fatigue es mir unglaublich schwer, Konferenztage halbwegs sinnvoll durchzuhalten. Oder Elternsprechtage. In meiner Mittagspause heimzugehe und mich eine halbe Stunde hinzulegen, klingt zwar verlockend, Nutzen und Aufwand stünden aber in keinem guten Verhältnis (jeder Arbeitsweg bedeutet im Moment eine halbe Stunde Fußmarsch. Und das für eine Stunde Mittagsschlaf? Völliger Unsinn). Wir haben zwar einen Ruheraum an der Schule, aber den Gedanken, meinen Kopf auf ein Kissen zu legen, auf dessen Bezug vor mir schon unzählige andere geruht haben, finde ich nur wenig entspannend (ein kleiner Spleen von mir, den ich mir gönne). Außerdem kann es immer sein, dass jemand hereinplatzt und mich unsanft weckt. Oder ich wecke einen Kollegen. Wie unangenehm.

Meine Lösung? Ich habe eine Entspannungsübung auf meinem IPod, die etwa fünfzehn Minuten dauert und so mich ungefähr so regeneriert, wie eine Stunde Schlaf. Sobald ich also allein im Büro bin, setze ich meine Kopfhörer auf und gönne mir eine Viertelstunde Entspannung. Herrlich.

Oder diese unsäglichen Armschmerzen, die im Sommer bei Hitze noch viel schlimmer sind als ohnehin schon. Eine Dauereinnahme von Analgetika kam natürlich nicht infrage. Aber dann las ich von Kühlmanschetten und ihrer Wirkung bei Überhitzung. Gekauft, getestet und für gut befunden. Problem nicht gelöst, aber deutlich verbessert.

Dann waren da noch die vielen Tabletten, die ich täglich nehmen muss: Muskelrelaxanzien, Vitamin B, Vitamin D, Magnesium. Ich bin ja schon damit überfordert, meine Pille nicht zu vergessen und jetzt sollte ich bei so vielen verschiedenen Präparaten den Überblick behalten? Meine Lösung findest du im Beitrag Pillepalle.

Das sind jetzt nur drei Beispiele von vielen. Aber es geht ja nicht darum, dich mit meinen Lösungen zu langweilen. Schließlich musst du deine eigenen finden.

Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass es für jeden Umstand, der sich als Problem etablieren will, eine Lösung gibt. Sie ist schon da. Sie schlummert tief in mir drin. Meine Aufgabe ist es, sie zu finden. Das werde ich aber nicht, wenn ich in der Schmollecke sitze und nur auf meine Probleme starre und mich über sie beschwere.

Welche Lösung kannst du heute für dich finden?

 

Alltag, mein Leben mit MS, Multiple Sklerose

Resilienzfaktor Optimismus

Man kann es nicht oft genug sagen: Multiple Sklerose ist scheiße.

So, wie eben jede andere Krankheit auch. Oder wie jede andere Krisensituation, die uns hinterrücks überfällt.

Daran, dass ich krank bin, ändert sich jedoch nichts, wenn ich über meinen Zustand jammere. Im Gegenteil. Je mehr ich mich meinen Problemen widme, umso schlimmer werden sie.

Damit meine ich nicht, dass man Krisen und Schwierigkeiten ignorieren sollte (wie ich versucht habe, in meinem letzten Artikel deutlich zu machen)! Aber auch, wenn man seine Situation akzeptiert hat, gibt es ja Momente, in denen man sich von ihr überwältigt fühlt.

Ich kenne solche Tage auch nur zu gut, in denen mir alles düster und farblos erscheint. Die, an denen ich zum Kämpfen einfach keine Lust mehr habe.

Früher habe ich solche Tage damit verbracht, mich in einer großen Wanne voller Selbstmitleid ausgiebig zu suhlen. Was für eine Verschwendung. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die damalige Situation aus heutiger Sicht absolut großartig war. Manche Dinge merkt man einfach viel zu spät …

Dass das Leben mit Multipler Sklerose viele Unannehmlichkeiten mit sich bringt, lässt sich nicht verleugnen. Die Frage ist jedoch, ob ich mich auch davon bestimmen lasse. Denn auch hier gilt: ich bestimme über mein Leben. In diesem Fall darüber, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte.

Natürlich ist es ein Leichtes, mich ins Bett zu legen und mich zu bemitleiden, weil ich wegen der MS mein geliebtes Bassspielen aufgeben musste. Oder weil ich dauernd Schmerzen habe. Oder weil die Fatigue mich nach wie vor viel zu sehr lähmt. Oder … oder auch wegen … und nicht zuletzt, weil …

Kennste, oder? Komm vorbei, dann heulen wir zusammen … nicht.

Was bringt es mir denn, mich ständig auf das Negative zu konzentrieren? Ständig darauf zu sehen, was nicht mehr ist, was ich nicht mehr kann, wo sich mein Leben anders entwickelt hat, als ich wollte? Oder was habe ich davon, wenn ich mir jetzt schon Sorgen darüber mache, was die MS vielleicht in ein, fünf oder zwanzig Jahren mit mir macht?

Richtig: gar nichts.

Es versaut mir nur meine Gegenwart.

Statt also Kraft und Zeit auf Selbstmitleid und Sorgen zu verschwenden, macht es viel mehr Sinn, optimistisch auf das Leben zu gucken.

Wie das gehen soll, wenn doch gerade mal wieder alles scheiße ist?

Da geht es ja schon los. Ist denn wirklich alles scheiße? 😉

Eine gute Möglichkeit, die ich für mich entdeckt habe, um die düsteren Gedanken im Zaum zu halten, ist ein Positiv-Tagebuch. Das ist ein ganz normales A5-Heft. An Tagen, an denen ich mal wieder den Unsinn glaube, dass alles schlecht sie, schreibe ich abends all das auf, was an dem Tag gut war. Alles. Und sei es noch so klein. Es gibt immer etwas. Also ist logischerweise auch nicht alles schlecht.

Durch das Aufschreiben mache ich mir all das Positive bewusst, das ich im Leben habe und gehe direkt selbst wieder positiver durchs Leben.

Mittlerweile muss ich die Dinge gar nicht mehr aufschreiben, sondern kann sie mir auch so, direkt in der Situation vergegenwärtigen. Statt morgens, wenn der Wecker klingelt, zu denken „Och nö, ich muss aufstehen.“ denke ich „Ein neuer Tag, an dem ich alleine aufstehen, alleine duschen und mich alleine anziehen kann. Wie schön!“ Statt mich zu ärgern, dass mein linker Arm vom Tippen am PC mittlerweile ziemlich wehtut und die Bewegungen im Moment immer unkoordinierter werden, freue ich mich, dass ich in den vergangenen zwei Stunden einiges an Mails und Schreibarbeit ohne Schmerzen erledigen konnte. Das ist großartig. Und dass ich jetzt mit dem Schreiben aufhören muss, ist ja vielleicht auch für alle Beteiligten das Beste.

 

Wie immer im Leben geht es auch hier darum, sich zu entscheiden, worauf wir unsere Konzentration richten. Auf das Schlechte, oder das Gute. Ich habe beschlossen, meinen Blick auf das Gute zu richten und mir all den Segen bewusst zu machen, den ich in meinem Leben habe.

Denn diese Bewusstmachung bewirkt Dankbarkeit. Und wer dankbar ist, kann nicht depressiv sein.

Was gibt es in deinem Leben an Positivem? Wofür kannst du heute dankbar sein?