Entspannen war nie so meine Stärke. Irgendwie stand ich immer unter Strom. Also mental und emotional. Sportlich gesehen eher weniger. Eigentlich gar nicht.

Ganz extrem wurde es mit Einstieg in die Berufstätigkeit. Das könnte daran liegen, dass ich mir mit dem Lehrerberuf eine Tätigkeit ausgesucht habe, die in jeder Hinsicht reizvoll ist. Und leider überreizt sie dann auch gelegentlich, vor allem, wenn man keine guten Schutzmechanismen hat.

Die hatte ich viele Jahre nicht und so wundert es mich eigentlich überhaupt nicht, dass ich Multiple Sklerose bekommen habe. Schließlich habe ich jahrelang zugelassen, dass mir mein Leben 24 Stunden am Tag an den Nerven zerrt. Ohne Pause, ohne Rücksicht auf Verluste und – um ehrlich zu sein – ohne Sinn und Verstand.

Ich hatte immer viel zu hohe Ansprüche and mich und mein Umfeld – und dabei auch immer das Gefühl, diesen nicht gerecht zu werden.

Ich glaubte, dass ich alles unter Kontrolle haben müsste, also wirklich alles, jeden, immer, um vielleicht irgendwann ein entspanntes Leben führen zu können.

Und ich war der irrigen Annahme, dass alles, was meinen Plan störte, von meiner Marschroute abwich, meine Sichtweise hinterfragte, gefährlich sei und daher auszumerzen.

 

Meine Güte, war ich unentspannt. Immer gehetzt, immer überfordert und nie zufrieden. Aber es hat ja funktioniert. Zumindest eine Weile. Bis irgendwann die Schaltkreise überhitzt waren und die Kabel anfingen, durchzuschmoren.

Schöne Scheiße.

Tja, und so war ab dem Zeitpunkt, an dem ich meine Diagnose MS empfangen hatte, eins meiner wichtigsten Ziele, Dampf vom Kessel zu nehmen.

Ich habe es schon an anderer Stelle erwähnt: Die Diagnose Multiple Sklerose, so unerfreulich und belastend sie ist, hat mir eine Menge Türen geöffnet und letzten Endes auch viel Gutes gebracht.

Wann sonst hat man als erwachsener Mensch denn mal die Möglichkeit, alles, das gesamte Leben, auf den Prüfstand zu stellen? Und dann auch noch rigoros auszumisten. In den Genuss dieses Luxus kommen nicht viele. Zugegeben, das liegt nicht daran, dass sie es nicht könnten, sondern es sich nicht gönnen. Ich war ja auch so.

Nie im Leben wäre ich in meinen prä-MS-Zeiten auf die Idee gekommen, mal einen Schritt zurück zu gehen, mein Leben aus der Metaebene von außen zu betrachten und bewusst zu überlegen, was und wen ich überhaupt in meinem Leben haben möchte und was/ wen nicht.

Zu diesem Ausmisten gehörte eben auch dazu, dass ich mich seither mehr um mich selbst kümmere. Beispielsweise sage und mache ich nur noch das, was ich wirklich will bzw. für richtig halte und nicht mehr das, was man von mir erwartet.

War ich früher eine Sklavin der (vermeintlichen) Erwartungen meiner Umwelt, die ich krampfhaft erfüllen wollte, um bloß makellos dazustehen, ist mir heute nur noch eine Meinung wichtig. Na gut, zwei. Mir ist wichtig, was mein Mann über mich und mein Handeln denkt, und mir ist wichtig, dass ich mit Jesus im Reinen bin und alles, was ich sage, denke und tue vor ihm in Ordnung ist. Ob es dann bei meinen Mitmenschen gut ankommt, ist mir ehrlich gesagt mittlerweile egal.

Und weil ich meinen Wert nicht mehr von der Beurteilung Fremder abhängig mache, trifft mich auch Kritik längst nicht mehr so wie früher. Vor meiner Erkrankung bin ich über Kritik normalerweise wütend geworden und habe mich angegriffen gefühlt.

Und heute? Heute nehme ich sie wahr, höre sie mir an und überlege dann, ob ich die Kritik annehme oder nicht.

Außerdem höre ich mittlerweile hauptsächlich auf dem Sachohr und dem Selbstoffenbarungsohr (überlege also, was mein Gegenüber mir über sich mitteilt), während Appellohr und Beziehungsohr nahezu ausgeschaltet sind. Herrlich entspannend.

Die wichtigste Erkenntnis der letzten Jahre war sicher, dass ich nicht perfekt sein muss. So wie ich bin, bin ich genug. Mit allen Ecken, Kanten und Kratzern. Und deshalb darf ich auch Fehler machen. Sie sind kein Weltuntergang. Schade, dass ich drei Jahrzehnte gebraucht habe, um so eine wichtige Erkenntnis zu haben. Eigentlich sollte man das doch schon als Kind beigebracht bekommen …

Abgerundet wird mein neues Entspanntheitsprogramm von ein paar Entspannungs- und Atemtechniken, die ich in den letzten Jahren erlernt habe und seither immer wieder und regelmäßig anwende.

Tolle Sache, diese Schutzmechanismen…

 

Dieser neue Lebenswandel klappt nicht immer, aber immer besser.

Gestern war so ein Tag, an dem ich extrem merken konnte, was für Fortschritte ich in den vergangenen drei Jahren gemacht habe.

Ich unterrichte in diesem Jahr zwei 5.Klassen in Englisch. Gerade zu Beginn des Schuljahres ist das super spannend, da die Schüler aus unterschiedlichen Grundschulen mit völlig unterschiedlichen Regeln und Vorkenntnissen kommen. Das bedeutet manchmal Chaos pur.

Zudem kenne ich die Schüler noch nicht und die Eltern noch weniger. Und die sind in der Tat manchmal die größte Herausforderung. Alle Beteiligten müssen erst mal ihr Revier abstecken. Bisweilen nimmt das schon Züge von Game of Thrones an, aber es ist ja völlig klar, wer am Ende auf dem eisernen Thron sitzen wird: moi. 😉

Jedenfalls hatte ich gestern vier Telefonate mit Eltern. Vier! Dabei bin ich nicht mal Klassenlehrerin, sondern nur Fachtussi. Und diese Telefonate mit mir vollkommen unbekannten Eltern, die natürlich (wie ich auch) das Beste für ihr Kind wollen (wenn auch auf bisweilen seltsamen Wegen) waren herausfordernd und anstrengend.

Aber ich habe sie gut geschafft. Nicht sie mich, ich sie. Auch die Gespräche, bei denen die Eltern völlig andere Erziehungsgrundsätze haben als ich (ich hoffe sehr, dass sie welche haben …). Ich habe es gestern zum ersten Mal geschafft, entspannt in diese Telefonate reinzugehen, entspannt und freundlich zu bleiben und hinterher gutgelaunt meinen Abend zu genießen.

Als ich gestern Abend im Bett lag, dachte ich: „Hey, das hast du heute richtig gut gemacht.“ Und damit meinte ich sowohl mich als auch meinen wundervollen Herrn Jesus, von dem ich weiß, dass er mich den ganzen Tag begleitet hat und ohne den ich absolut nichts von alledem auf die Reihe kriegen würde.

Übrigens hatte ich heute in dieser Klasse den besten Unterricht des Schuljahres.

So darf es weitergehen.