„Schuljahresende“ heißt immer auch „viele Zusatztermine“. Die meisten sind Pflicht, einige wenige Kür.

Vor allem sind sie eine super Gelegenheit, um mal wieder völlig gegen den eigenen Körper und über die vorhandenen Kräfte hinaus Vollgas zu geben.

In dieser Gefahr stehe ich ja ohnehin immer, jetzt aber besonders akut.  Vor allem, weil ich mich, abgesehen von der doofen Fatigue, nach meinem letzten Gespräch mit meiner MS-Spezialistin nahezu unbesiegbar gefühlt habe. Wir ham‘s doch im Griff. Läuft doch. Alles easy.

Da war es doch auch selbstverständlich, dass ich die Veranstaltungen, die möglich sind, mitnehme. Alle. Ehrensache.

Nein, das war nicht sonderlich klug. Aber ich dachte, dass das schon klappen wird.

Und dann kam der Freitag. Der Arm schmerzte dank der Temperaturen stärker als sonst und die Fatigue hatte mein Hirn auch schon wieder einigermaßen matschig geklopft. Aber es stand die Realschulabschlussfeier an. Ich war eingeladen, hatte zugesagt. Und nachdem ich die Klasse vier Jahre lang unterrichtet hatte, wollte ich jetzt auch zusehen, wie sie in die freie Wildbahn entlassen werden. Ehrensache…

Nicht bedacht hatte ich, dass die Temperaturen und damit auch meine Schmerzen und die Fatigue nicht besser würden.

Ebenso wenig hatte ich bedacht, dass so ein Abend lang werden kann. Richtig lang. Und es war anstrengend.

Als ich um halb 12 endlich mit schmerzendem Arm und kribbelnden Beinen im Bett lag, dachte ich: „Na komm, stell dich nicht so an. Der Abend war für jeden anstrengend…“ Das dachte ich dann auch noch öfter und länger als mir lieb gewesen wäre, denn dank meiner Schmerzen im Arm und der Parästhesien in den Beinen blieb mir der Schlaf in jener Nacht leider weitestgehend versagt.

Am Samstag wollten mein Mann und ich uns eigentlich mit einer Freundin auf einem Food Truck Festival in der Nähe treffen. Einer der Kür-Termine, auf die ich mich seit Wochen gefreut hatte. Und lecker essen geht doch immer. Auch mit wenig Schlaf…

Tja, sah mein Körper irgendwie anders. Meinen Nachmittag verbrachte ich nicht beim Foodtrucken, sondern im Bett. Mit Kopfschmerzen, Übelkeit und einem Blutdruck im dritten Untergeschoss. Totalausfall. Selbstvorwürfe inklusive.

Und heute? Der heutige Tag beglückt mich bislang mit einer Mischung aus schmerzendem Arm, kribbelnden Beinen, die eher schlecht als recht tun, was ich möchte, Fatigue deluxe und einem Druck im Kopf, der noch nicht weiß, ob er sich verziehen, oder doch noch ein ausgewachsener Schmerz werden soll.

Wer nicht hören will, muss fühlen, nehme ich an.

Was lerne ich daraus (vielleicht)?

Ich muss noch mehr auf meinen Körper hören. Auch dann, wenn mein Dickkopf mal wieder meint, dass er sich durchsetzen müsste. Oder wenn ich den irrigen Eindruck habe, dass mir gesellschaftliche Zwänge und Erwartungen keine andere Wahl lassen, als über meine Grenzen hinaus zu gehen.

Als ersten Schritt heißt das, dass ich heute nur eins mache: das, was mir guttut. Wer weiß: wenn es gut läuft, mache ich das morgen vielleicht auch wieder. Und am Tag danach. Das könnte am Ende echt richtig gut werden …

Und auch, wenn ich heute körperlich und seelisch etwas niedergeschlagen bin, ist doch eins völlig klar: das ist nur ein kleiner Rückschlag. Diese Schlacht mag ich verloren haben, aber der Krieg ist noch nicht vorbei. Und die MS brauch sich nicht einbilden, dass ein beschissenes Wochenende ausreicht, um mich in die Knie zu zwingen. Es wird weitergekämpft. Und gesiegt.