Achtsamkeit, das ist nicht nur gesunde Ernährung. Es geht vielmehr um ein bewusstes Wahrnehmen der Dinge im Hier und Jetzt.

Achtsamkeit entschleunigt.

Achtsamkeit macht bewusst.

Achtsamkeit ist großartig.

Vermutlich eine der wichtigsten positiven Veränderungen, die die MS mir gebracht hat, ist diese Achtsamkeit. Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich so bewusst gelebt wie heute. Sei es durch gesunde Ernährung, sei es Hören auf meinen Körper und meine innere Stimme oder Entschleunigung durch Innehalten im Alltag, sinnvolles Setzen von Prioritäten und Liegenlassen von Unwichtigem.

Viel zu lang war ich in meinem Leben wie getrieben. Alles musste perfekt sein und so laufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich musste die Kontrolle haben.

Die MS hat mir gezeigt: ich habe sie nicht. Das Leben läuft nicht immer wie geplant (Gott sei Dank!). Und perfekt ist auch nur das, was ich daraus mache.

Seitdem ich nicht mehr so kann, wie ich will, zu Pausen und Prioritäten gezwungen bin, nehme ich die Dinge um ein Vielfaches bewusster wahr.

  • Ich überlege bewusst, was wichtig ist und was nicht. Unwichtiges kann warten. Wichtiges wird nicht perfekt erledigt, sondern sinnvoll und effektiv.
  • Ich entscheide bewusst, was ich will und was mir wichtig ist. Was „man“ macht oder was andere denken, ist unwichtig. Zumindest für mein Leben.
  • Dementsprechend wähle ich bewusst aus, wofür ich meine Zeit und Energie verwenden möchte und wofür nicht. Und wenn ich schon vorher weiß, dass sich die Kosten-Nutzen-Rechnung für mich nicht lohnt, dann sage ich freundlich ab.
  • Zu wissen, was ich nicht mehr kann und was möglicherweise noch im Laufe meiner Krankheit auf mich zukommt, lässt mich die Dinge, die ich tue, bewusster erledigen. Früher war ich ein absoluter Bewegungsmuffel. Heute genieße ich meine zweieinhalb Kilometer Fußweg zur Arbeit und werde unruhig, wenn ich nicht genug Auslauf bekomme (zum Leidwesen meines Mannes, der dann zu Spaziergängen gezwungen wird).
  • Ich mache bewusste Pausen. Und ich genieße sie. Waren Mittagsschläfchen früher nichts als vergeudete Zeit für mich, kann ich mittlerweile vollkommen nachvollziehen, wenn es heißt: „Ein Mittagsschläfchen ist, als würde man den Tag mit Käse überbacken.“
  • Diese Pausen geben mir Freiraum, um mein Leben bewusst zu betrachten. Ich kann bewusst wahrnehmen, wie gut es mir doch geht.

Und all das führt zu Dankbarkeit.

Wie jetzt, Dankbarkeit? Du bist doch krank. Du bist doch ständig müde und hast dauernd Schmerzen, kannst manchen Hobbys nicht mehr nachgehen und so. Du weißt doch, was Multiple Sklerose bedeutet, was auf dich zukommen könnte. Wie kann man denn da denn bitte dankbar sein? Wäre da nicht Jammern angesagt?!

Ja, Dankbarkeit!

Als ich noch konnte, wie ich wollte, habe ich alles getan, nur nicht das, was ich wollten. Es ging nur um Leistung und Reputation, um Äußerlichkeiten, aber nicht um meine Seele. Paradoxerweise ist es jetzt, wo ich eben nicht mehr so kann, wie ich will, genau andersherum: Ich nehme mich, mein Leben, meine Möglichkeiten viel deutlicher wahr als früher. Ich setze meine Prioritäten so, dass ich glücklich bin und für mich das Beste aus meiner Zeit und meinen Kräften raushole. Und wenn ich das mache, dann bewusst und im Hier und Jetzt. Ich bin in Gedanken nicht mehr drei Schritte weiter und nebenher mit fünf anderen Themen beschäftigt. Das Jetzt ist wichtig. Und nur das zählt. Was Morgen ist, kann ich ohnehin nicht ändern.

Das ist Lebensqualität.

Und dann sehe ich Freunde und Verwandte, die gesund sind und im Grunde alles haben, was man sich so wünscht. Und ich sehe, wie viele von ihnen leben: unzufrieden, nörgelig. Alles, was nicht so läuft wie geplant, alles was irgendwie herausfordernd ist, wird zum existenzbedrohenden Problem aufgebauscht. Es wird gejammert und geklagt…

Manchmal bin ich versucht, etwas zu sagen, aber dann denke ich, es wäre vergeudete Energie. Schließlich weiß ich von mir selbst, dass man nur schwer zugänglich ist für Dinge, für die man keinen Blick hat.

Vielleicht wird man tatsächlich undankbarer, je besser es einem geht.

Vielleicht sind manche Menschen nur glücklich, wenn sie jammern können.

Vielleicht haben viele Menschen auch einfach Angst davor, sich mit sich selbst bewusst auseinanderzusetzen.

Vielleicht ist Selbstbewusstsein in unserer Gesellschaft ohnehin nicht so gefragt.

Ich weiß es nicht.

Letzten Endes ist es aber auch nicht an mir, die Dinge zu ändern.

Meine Aufgabe ist es, für mich und mein Leben Verantwortung zu übernehmen und das Beste aus dem zu machen, das mir gegeben wurde.

Ich glaube, ich bin auf einem ganz guten Weg. Dafür bin ich sehr dankbar.

Dass dem so ist, und dass das auch mit meiner Krankheit zu tun hat, muss ich mir aber auch immer wieder bewusst machen.