Darf ich vorstellen?

Neue Bekanntschaften sind eine spannende Sache. Man gewinnt neue Eindrücke, erfährt Dinge, die man bislang nicht wusste, erweitert den eigenen Horizont und gewinnt im besten Fall einen neuen Begleiter, vielleicht sogar einen neuen Freund.

Auf meine neueste Bekanntschaft hätte ich allerdings gerne verzichtet. Sie trägt den Namen Uhthoff. Nein, es geht nicht um irgendwelche Antipathien gegen Wilhelm Uhthoff, den Namensgeber meines neuen Begleiters, sondern um das von ihm benannte Uhthoff-Phänomen.

Vermutlich hast du noch nie davon gehört. Also lass mich euch einander vorstellen (ganz rudimentär und vermutlich wenig wissenschaftlich).

Bei der Multiplen Sklerose zerstört das Immunsystem – kurz gesagt – die Schutzschicht um unsere Nerven. Folge davon sind diverse neurologische Ausfallerscheinungen, die überall zwischen Taubheitsgefühlen, Sehstörungen und dauerhafter Lähmung liegen können. Je nachdem, welche Nerven wie stark geschädigt werden.

Logischerweise führt diese Schädigung auch dazu, dass die Nerven Reize nicht mehr anständig leiten. Quasi wie ein Kabel mit Wackelkontakt. Dementsprechend werden die Nerven äußerst störanfällig.

Und jetzt kommt Herr Uhthoff ins Spiel. Der fand nämlich heraus, dass eine erhöhte Körpertemperatur die Leitfähigkeit der vorgeschädigten Nerven zusätzlich verschlechtert. Er entdeckte das nur in seinem Spezialgebiet, dem Sehnerv. Mittlerweile weiß man jedoch, dass diese erhöhte Körpertemperatur jegliche MS-Symptomatik hervorrufen kann. Hauptsächlich ist das die Verschlimmerung von Spastiken, Zittern und der bei vielen Patienten allgegenwärtige Fatigue. Nicht umsonst heißt der ganze Spaß auch „Pseudo-Schub“. Ungefährlich, aber extrem scheiße.

Dementsprechend haben mich die hochsommerlichen Temperaturen der vergangenen Wochen an den Rand des Wahnsinns getrieben. Meine Ferienwochen und auch viele Wochenenden davor verbrachte ich fast ausschließlich schlafend auf der Couch, nachts wache ich regelmäßig wegen Krämpfen auf und tagsüber lassen mir die Spastiken trotz meiner Medikamente ebenfalls wenig Ruhe. Taubheitsgefühle, Kraftlosigkeit etc. kommen zusätzlich dazu.

Am schlimmsten finde ich aber weiterhin diese dämliche chronische Müdigkeit.

Jaja, ich weiß schon, was jetzt viele denken: „Aber hohe Temperaturen machen doch jeden ein bisschen müde …“

Ein bisschen müde ist aber etwas grundlegend Anderes als Fatigue. Und während sommerliche Temperaturen schon für gesunde Organismen anstrengend sein können, werden sie für kranke Menschen schnell zu einer echten Belastung. Körperlich wie psychisch.

Alles in allem ist meine neue Sommerbekanntschaft also ein zukünftiger Begleiter, auf den ich liebend gern verzichtet hätte und der sicherlich nie mein Freund werden wird. Obwohl er mir natürlich auch wieder mal neue Eindrücke, Sichtweisen und Erlebnisse beschert, was ich ja grundsätzlich immer erst mal eine gute Sache finde.

Abhilfe bzw. Möglichkeiten der Linderung gibt es natürlich auch. Und die sind im Grund auch völlig logisch: Körpertemperatur runterregeln. Das heißt also kühle, schattige Räume (aber will schon im Sommer drinnen sitzen), viel trinken, körperliche Anstrengung vermeiden (dabei wollte ich doch so gerne mit Joggen anfangen … nicht …). Außerdem gibt es auf dem schier unendlichen und teilweise äußerst kostenintensiven Markt für medizinische Hilfsmittel diverse Kühlungsmöglichkeiten.

Aktuell hantiere ich gerne mit einer Kühlmanschette von „HPXfresh“ für meinen linken Arm herum. Im Grunde ist es ein Stoffarmband, in das saugfähiges Granulat eingenäht ist. Hält man die Manschette unter kaltes Wasser, saugt das Granulat sich voll und gibt durch die nachfolgende Verdunstung Kühle ab. Dank des Stoffmaterials ist die Manschette dennoch nicht nass. Tolles Teil. Kühlt den Puls und somit den ganzen Arm. Schwupps, schon verringern sich die Beschwerden. Einfach mal bei dem großen Internethändler suchen. Von der gleichen Firma gibt es auch noch Kühlwesten und Kühlkissen. Diese habe ich noch nicht ausprobiert, werde das aber bei Gelegenheit vermutlich tun. Ich werde zu gegebenem Zeitpunkt darüber berichten.

Mir kam außerdem noch der Gedanke, dass der Konsum von Speiseeis doch sicherlich auch einen positiven Effekt auf die Körpertemperatur haben dürfte. Auch dieser Studie werde ich mich in der nächsten Zeit noch hingebungsvoll widmen.

Und das sind doch, trotz Fatigue und Schmerzen, ziemlich tolle Aussichten – sowohl für den Rest dieses Sommers als auch für alle kommenden.

 

 

 

Quellen:

https://www.multiplesklerose.com/uhthoff-phaenomen-bei-multipler-sklerose/ [12.6.2018]

https://de.wikipedia.org/wiki/Uhthoff-Ph%C3%A4nomen [12.6.2018]

7 Gedanken zu “Darf ich vorstellen?

  1. Nein, es gefällt mir nicht, dass du darunter leidest aber deine sehr anschauliche Schilderung.
    Ich kämpfe auch seit Jahren gegen oder mit diesem Phänomen jedoch dieser Sommer gibt ihm natürlich viel Spielraum. Ich kühle mich auch mit kalten Fußbädern, mit Eisstücken und Kühlakkus bei Tag und bei Nacht, runter..
    Zudem trinke ich viel Wasser mit ausgepresster Zitrone oder Ingwerstückchen.
    Da mein Herzensmensch nach seiner Chemotherapie und den Bestrahlungen auch häufig durch die Fatique komatöse Phasen hat, leben wir tagelang wie die Murmeltiere.
    Ich wünsche dir noch einen Spätsommer mit angenehmen Temperaturen und besserem Gesundheitszustand.
    Herzliche Grüße
    Elke

      1. Ingwer für den Stoffwechsel und Zitrone als Allheilmittel zudem schmeckt es beides erfrischend. Beides stand jeweils irgendwann mit den entsprechenden Erklärungen in der Apothekerzeitung.

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