Jetzt sei doch nicht so – Teil 1

„Watt jeht es uns jut…“ Das ist vermutlich einer der Sätze, die ich mit am häufigsten von meinem Schwiegervater gehört habe. Nach einem guten Essen – meistens von ihm gekocht (und er kocht echt hervorragend) – lehnt er sich häufig zurück, faltet die Hände über seinem Bauch zusammen und sagt zufrieden „Watt jeht es uns jut.“

Als Neuling in der Familie finde ich das großartig. Weil es so wahr ist. Es geht uns gut! Unverschämt gut möchte ich hinzufügen. Und weil es so viel über seine Grundeinstellung offenbart: Er weiß, dass es uns gut geht. Und er ist dankbar dafür. Diese Grundeinstellung zeigt sich im gesamten Leben und Handeln meiner Schwiegereltern. Ihr Haus ist immer voll Wärme, Freude und Herzlichkeit. Ich habe sie noch nie neidisch oder missgünstig erlebt und wann immer ich sie besuche, fühle ich mich daheim. Willkommen. Angenommen. Angekommen.

Ihre Art, mit dem Leben und Menschen umzugehen, finde ich vermutlich vor allem deshalb so grandios, weil sie mittlerweile so selten ist.

Ob es die Reaktionen von Schülern sind, wenn ein Klassenkamerad irgendwo eine 1 bekommt (auf die Idee, dass man mit etwas Anstrengung auch gute Noten haben könnte, kommen die wenigsten. Da flüchtet man sich lieber in abstruse „Lieblingsschüler“-Theorien), seien es Sozialleistungen, die Geflüchtete bekommen, während man selbst arbeiten gehen muss (man könnte ja auch einfach mal froh sein, dass man nicht in der Situation der Geflüchteten steckt) oder irgendeine andere Situation, in der jemand „mehr“ hat als man selbst … scheinbar ist in unseren luxusverwöhnten Breitengraden nur noch eine einzige Reaktion angebracht, wenn jemand etwas Positives erlebt: Neid.

Witzigerweise erlebe ich Neid in letzter Zeit in zunehmendem Maße. Und mit „in letzter Zeit“ meine ich den Zeitraum nach meiner MS-Diagnose.

„Moment mal“, denkst du jetzt vielleicht, „Wieso denn nach der MS-Diagnose? Ist doch voll kacke, wenn man sowas hat.“

Stimmt, ist es auch. Und glaub mir, ich bin mindestens genauso verwundert wie du …

Einer der ersten Schritte, als es mir mit meinem ersten deutlich bemerkbaren Schub 2016 so dreckig ging, war, meine Arbeit zu reduzieren. Bereits als nur die Verdachtsdiagnose im Raum stand, war mir und meinem Mann (damals Verlobten) klar, dass ich bei der Arbeit nicht so weitermachen kann, wie bisher. Also gab ich schweren Herzens meine Klasse ab und ging auf einen halben Lehrauftrag runter. Stichwort Selbstfürsorge.

Binnen kürzester Zeit hatte ich dann Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen, die mir alle rieten, mich um einen Schwerbehindertenausweis zu bemühen. Das tat ich nach der endgültigen Diagnose umgehend und erhielt im Dezember 2016 einen vorübergehenden Ausweis mitsamt allen Vorteilen. Besonders wichtig war für mich, dass bei der Gestaltung meines Arbeitstages nun mehr Rücksicht auf mich genommen werden musste. Nun ist bei uns an der Schule ein ganz großartiger Kollege für die Stundenpläne zuständig, dem aus seinem privaten Umfeld MS bekannt ist. Und er nimmt bei meinem Stundenplan Rücksicht auf meine Situation. Sei es, dass ich an den Tagen nach dem Spritzen immer erst zur 3.Stunde unterrichte, oder dass ich freitags frei habe. Das ist nicht nur unglaublich entlastend, es unterstützt auch nachhaltig meine Versuche, die schleichende Zombifizierung, die da in meinem ZNS vonstattengeht, deutlich zu verlangsamen. Abgesehen davon, dass es mit einem immer gleichen freien Tag deutlich einfacher ist, über die Schulhalbjahresgrenzen meine regelmäßigen Kontrolltermine auszumachen.

Ich wiederhole: ich habe freitags frei.

Was, nebenbei bemerkt, nach den Konferenzen, die wir üblicherweise donnerstags haben, dringend notwendig ist. Danach geht bei mir häufig kräftemäßig nichts mehr.

Es gibt Kollegen, bei denen ich merke, dass sie mir den Tag wirklich gönnen. „Erhol dich gut.“ „Genieß dein verlängertes Wochenende.“ etc.  sind Sätze, die ich von ihnen regelmäßig höre und die merklich von Herzen kommen.

Sätze, die ich leider noch regelmäßiger höre, und die vermutlich ebenso von Herzen kommen, sind alle möglichen Varianten von „Voll mies, du hast jetzt schon Wochenende.“, „Deinen freien Tag hätte ich echt auch gerne.“ oder „Ich würde echt gerne mit dir tauschen!“

Jajajajajaja, ich weiß schon … das ist nicht böse gemeint … eher so als Scherz …

Es nervt trotzdem.

Extrem.

Denn wie so oft ist das ein Satz, der (vielleicht sogar aus einem berechtigten momentanen Gefühl der Überlastung heraus) einfach nur so halbwitzig daher gesagt ist, und nach dem der Kommentator dann wieder weitestgehend gedankenfrei seiner Wege zieht. Ein Spruch. Eine Episode. Eine einmalige Geschichte. Aber ich höre diesen Satz eben nicht nur einmal von einer Person, sondern im Grunde wöchentlich von den unterschiedlichsten Seiten und mit unterschiedlichsten Intentionen.

Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, auf solche Äußerungen mit Sätzen wie „Wir können gerne tauschen, wenn du auch die ganze Scheiße übernimmst, wegen der ich diesen freien Tag überhaupt brauche.“ zu antworten. Auch hier sind die verschiedenen Reaktionen grandios. Sie reichen von plötzlicher Erkenntnis („Oh Mist, du hast Recht!“) bis hin zur beleidigten Leberwurst („Oah, jetzt sei halt nicht so. War ja nur ein Spaß …“). Dumme Sprüche darf anscheinend auch nicht jeder …

Gelegentlich wächst der Drang in mir auf, mich darüber zu ärgern. Aber ich lass es. Ist nicht gut für die Nerven. Und letzten Endes verraten mir solche Äußerungen ja mehr über meine Mitmenschen als über mich. Statt Ärger ist hier sicherlich eher Mitleid angebracht.

Und außerdem gibt es ja noch so viele schöne Dinge, auf die sich zu konzentrieren viel lohnender und erfreulicher ist.

Watt jeht es uns jut.

 

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