Leuchte, kleines Licht

Wenn wir ehrlich sind, wird zu viel gemeckert. Sei es über Dieselverbote, Benzinpreise, Luftverschmutzung, Massentierhaltung, Bio-Wahn, die Regierung, die Regierungsbildung, den Umstand, dass wir noch immer keine Regierung haben, Kriege, Flüchtlinge, Kollegen, Schüler, Rentner, Jugendliche, Arbeit, Arbeitslosigkeit, Montagsspiele in der Bundesliga, das Fernsehprogramm, die Kosten für Netflix oder worüber auch immer uns so echauffieren können und wollen.

Mich regen beispielsweise egozentrische Menschen total auf. Leute, die meinen, ihre bloße Existenz wäre Grund genug, den Boden unter ihren Füßen zu küssen, und dass sie genau deshalb auch das Recht hätten, sich zu benehmen, wie sie wollen. Ich arbeite an einer Schule. Bei pubertierenden Jugendlichen trifft man überraschenderweise häufiger auf dieses Exemplar Mensch.

Mindestens ebenso ärgerlich finde ich Arroganz, Ignoranz, Stammtischparolen, Duckmäusertum und ganz besonders negative, meckerige, unhöfliche und undankbare Menschen.

Dass ich, wenn ich mich über Mitmenschen, die sich so verhalten, aufrege, genauso negativ und meckerig bin, auf andere mitunter arrogant wirke und meinen Fokus auf Dinge lege, die die Mühe im Grunde nicht wert sind, verleiht dem gesamten Umstand eine Ironie, die zwar unterhaltsam ist, die Sache aber dennoch nicht besser macht.

Und zu einer positiveren Atmosphäre trägt es auch nicht bei. Immerhin liegt der Fokus unserer Wahrnehmung immer auf dem, worauf wir sehen. Das heißt, wenn ich mich immer nur auf das sehe, das negativ ist, das mich nervt, das nicht passt, dann werde ich auch nur das noch sehen. Wenn ich mich auf die Dunkelheit konzentriere, werde ich nur noch Dunkelheit wahrnehmen. Völlig logisch. Und je mehr meine Wahrnehmung von der vermeintlich allumfassenden Dunkelheit bestimmt ist, desto weniger sehe ich das Helle, das Gute, das, wofür ich dankbar sein kann. Und das führt letzten Endes zu meckernden, jammernden und verängstigten Mimosen, die sich grundsätzlich missverstanden und ungerecht behandelt fühlen und ihre Verunsicherung durch Hetze, Hass und Verunglimpfungen auf andere übertragen, die ihren Fokus ebenso verloren haben. Wie das ein ganzes Land belastet, das Miteinander und die Stimmung versaut, kann man ja leider seit 2013 wieder täglich mehr beobachten.

Wer mich kennt (oder diesen Blog liest), weiß, dass ich konstruktive Kritik, selbst die schmerzhafteste, für äußerst positiv und gewinnbringend halte. Das genaue Gegenteil jedoch ist der Fall bei jeglichen Beanstandungen aus Selbstmitleid oder Sozialneid, bei Gemecker, das nur um des Meckerns Willen stattfindet. Bei Leuten, die bei allem und jedem das Haar in der Suppe finden. Bei Beurteilungen, deren einziger Sinn ist, die anderen herabzusetzen, um dann mit etwas Glück selbst ein wenig besser dazustehen. Wozu an sich selbst arbeiten, wenn man mit Herabwürdigung und unfairer Beurteilung kurzfristig einen ähnlichen Effekt erhalten kann?!

Einer meiner Aufreger des vergangenen Monats war ja diese megaunfreundliche Sprechstundenhilfe meines Neurologen (Fluffys Schwester aus dem verbotenen Wald, you know). Und wie erwähnt waren die Krankenschwestern, die mir in der Tagesklinik mein Kortison verabreichten, das genaue Gegenteil von ihr: freundlich, fürsorglich, gut gelaunt. Ich war so dankbar, dass ich den Damen am letzten Tag meiner Behandlung eine Packung Merci dagelassen habe. Die waren völlig perplex, womit sie das denn verdient hätten. Was mich nur noch mehr darin bestätigte, dass eine kleine Anerkennung aus Dankbarkeit genau richtig gewesen war. Vermutlich bekommen die Damen dort ja auch immer nur zu hören, wenn etwas nicht funktioniert, zu lange dauert oder sonst wie nicht passt. Beflügelt von der Reaktion der Schwestern hatte ich mir vorgenommen, mehr auf das Positive zu sehen. Irgendwie ist das in den letzten Wochen durch Kortison-Entzug, Nebenwirkungen und den alltäglichen Wahnsinn leider wieder untergegangen.

Heute musste ich mir bei meinem Neurologen ein neues Rezept holen. Immer ein bisschen nervig, aber was sein muss, muss sein. „Kannst dich ja auch einfach darüber freuen, dass du in einem Land lebst, in dem du diese notwendigen Medikamente problemlos auf Rezept bekommst“, dachte ich und marschierte los.

Als ich in der Praxis ankam, war da keine Spur von Fluffys Schwester. Dafür saß am Empfangstresen eine junge Mitarbeiterin, die immer unglaublich freundlich ist und die mir bei meinen letzten VEP- und NLG-Untersuchungen (zur Messung des Sehnervs und der Nervenleitgeschwindigkeit) immer sehr geduldig all meine Fragen zu den Untersuchungen beantwortet hat. Super spannend, was die Medizin so alles kann. Während sie noch mit den Patienten vor mir beschäftigt war, rief sie mir schon ein freundliches „Ach, guten Morgen!“ entgegen, wusste meinen Namen und war trotz der vielen Arbeit entspannt und gut gelaunt. Das war so toll. Also dachte ich: „Nicht immer nur meckern!“, sprang über meinen introvertierten Schatten und sagte ihr, wie schön ich es finde, dass sie immer so freundlich ist (vor allem im Vergleich zu manchen ihrer Kolleginnen), dass ich mich immer freue, wenn sie Dienst hat und dass es jedes Mal schön ist, sie zu sehen.

Sie hat sich gefreut, ich hab mich gefreut.

Es kann so einfach sein, sein kleines Licht ein wenig leuchten zu lassen.

 

 

So soll auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt. 5:16)

 

3 Gedanken zu “Leuchte, kleines Licht

  1. Wenn jeder so eine Einstellung wie du hätte, wäre unsere Welt viel
    freundlicher, harmonischer und friedlicher.
    LG Elke

    1. Na ja, jetzt müsste ich halt noch lernen, hier und da meinen Mund zu halten und meine Mitmenschen weniger zu überfordern. Sonst wird das nix mit der Harmonie. 😉

      1. Ich denke, man muss nicht automatisch ein unkritischer Mensch werden. Die Mischung macht’s

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