Blabla

„Besorg dir doch mal Multivitamin-Tabletten. Dann geht es dir bald besser.“

„Ernährst du dich auch richtig?“

„Meinst du nicht, du solltest mal einen anderen Arzt aufsuchen? Was der dir sagt, klingt ja nicht so toll.“

Solche oder so ähnliche Äußerungen gehören mittlerweile zu meinem Alltag. Menschen, die mitbekommen, dass ich Multiple Sklerose habe, fühlen sich viel zu befleißigt, auf diese Information mit einem klugen Ratschlag zu reagieren. Diese Menschen haben alle etwas gemeinsam:

  1. Sie sind alle gesund.
  2. Sie haben alle keine Ahnung von der Krankheit.

Beides scheint ihnen nicht bewusst zu sein, sodass die Ratschläge, die ich so bekomme meistens ziemlich bescheuert sind. Die anderen sind extrem bescheuert. Was sie im Normalfall nicht sind, ist hilfreich.

Jaja, ich weiß schon: Das ist doch nur gut gemeint… Na und? Wie heißt es so schön: „Ratschläge sind auch Schläge.“ Und wenn man zu viele Schläge einstecken musste, geht man irgendwann zu Boden.

Der „beste“ Ratschlag, den ich bislang bezüglich der MS in letzter Zeit bekommen habe, war übrigens: „Ich habe gelesen, dass das an den Milchprodukten liegt. Wenn du die weglässt, bist du ganz schnell wieder gesund.“

Ach was! Tausende von Medizinern forschen seit Jahrzehnten unter Aufwendung von Millionen von Euro an dieser Krankheit, stufen sie trotz aller Bemühungen nach wie vor als behandelbar, aber unheilbar ein – und des Rätsels Lösung ist schlichtweg, keine Milchprodukte mehr zu essen?! Da schau mal einer an. Wie gut, dass ich so allwissende Menschen in meinem Umfeld habe. Was die mit ihrer Fachkenntnis für Geld machen könnten! Am Ende gibt’s auch schon ein Heilmittel gegen Krebs. Vielleicht täglich einen Apfel essen, oder so …

Okay, Sarkasmus-Schalter auf Aus. Für den Moment.

Da es nichts bringt, wenn ich mich aufrege und der emotionale Stress, denn dieses Aufregen mir einbrächte, und der daraus resultierende Einfluss auf mein Immunsystem und meine Nerven viel zu umfassend wäre (noch dazu noch deutlich unerwünschter, als die hilfreichen Tipps, mit denen man mich so bedenkt), lasse ich es lieber bleiben. Stattdessen scheint es mir deutlich hilfreicher – und wesentlich stressfreier – zu sein, wenn ich der Frage auf den Grund gehe, warum man sich als kranker Mensch all diese ungefragten Ratschläge anhören muss.

Natürlich: die Leute geben all ihre Ratschläge, weil sie wirklich glauben, dass sie hilfreich wären. Allerdings helfen sie damit weniger der kranken Person, die da vor ihnen sitzt, steht, liegt oder fliegt. In erster Linie wollen sie damit sich selber helfen.

Was genau meine ich damit?

Kranksein ist per se erst mal scheiße. Für die erkrankte Person ebenso wie für die Menschen drum herum. Kranksein ist immer verbunden mit Ängsten, mehr oder weniger schlechten Perspektiven, zu treffenden Entscheidungen und vor allem viel Ungewissheit. Das ist einerseits nervig, versetzt einen andererseits sicherlich auch in große Sorge. Ich weiß, dass meine Mutter seitdem sie meine Diagnose erfahren hat, regelmäßig nächtelang wach liegt und sich Sorgen macht, was meine Zukunft wohl bringen wird. Was genau ihr das jetzt für die Gegenwart bringt und wie sie mir damit zu helfen glaubt, weiß ich nicht so wirklich, aber irgendeinen Mehrwert wird sie wohl dadurch haben. Sonst würde sie es ja nicht tun.

Ich gehe davon aus, dass sich jeder, der jemand Krankes in seinem Umfeld hat, sich in irgendeiner Form Sorgen um diese Person macht. Sorgenmachen macht im Normalfall keinen Spaß. Unsicherheit auch nicht. Und was macht man, wenn man unangenehmen Situationen ausgesetzt ist? Man versucht, sich ihrer zu entledigen.

Zum Beispiel, indem man kluge Ratschläge gibt. Denn wenn ich jemandem sage, dass er seine Krankheit loswird, wenn er sein Geld in neuartige, vielleicht sogar geheime Therapiemethoden investiert oder indem er keine Milchprodukte mehr zu sich nimmt, dann impliziert das zwei Dinge:

  1. Die Krankheit ist ja gar nicht so schlimm. Ein paar Pillen hier, ein paar andere Lebensmittel da, dann wird das schon wieder. Kein Grund zu Sorge.
  2. Die kranke Person hat es selbst in der Hand, wie es ihr geht. Und wenn die Krankheit sich verschlimmert, dann ist sie selber schuld. Da bin ich schön aus der Sache raus.

Nur ist es leider nicht so einfach.

Der ratschlagende Mensch fühlt sich jetzt wieder besser. Er hat „Interesse“ gezeigt, hat den Blick auf die ultimative Lösung gelenkt und meint nun, seine Schuldigkeit getan zu haben und gehen zu dürfen.

Und derjenige, der krank ist? Der bleibt zurück mit innerlichem Chaos, Traurigkeit, dem Gefühl, nicht verstanden zu werden, mit Wut, Enttäuschung – kurz: mit weiterem Ballast auf der Seele.

Ratschläge, vor allem, wenn sie ohne jegliche Sachkenntnis erfolgen, sind keine Hilfe. Sie sind Egotrips überforderter Menschen, die nicht bereit sind, sich ihre eigene Hilflosigkeit einzugestehen. Darauf kann ich verzichten. Und ich bin überzeugt, dass es anderen Leuten mit der gleichen oder anderen Krankheit ähnlich geht.

Newsflash: Wenn man mit einer Krankheit lebt, dann ist man im Normalfall bestens informiert und über neue Entwicklungen im Bilde. Wir brauchen also keine Insidertipps aus irgendwelchen ominösen Schwurbelforen oder aus der Apotheken Umschau.

Ich persönlich brauche auch keine Belehrungen über meine Krankheit von Leuten, die maximal wissen, wie man sie schreibt. Ich brauche keine Tipps zu Ernährung, Nahrungsergänzungsmitteln, Arztwechseln, alternativen Kräutertherapien, Heilkristallen oder heilsamem Papierschiffchenfalten.

Und ich brauche keine Leute, die, sobald sie von meiner Diagnose hören, mir erst mal lang und breit erklären, wie furchtbar meine Krankheit doch ist.

Diese gibt es nämlich auch. Und sie sind die schlimmsten von allen: die Überforderten mit dem Helferkomplex, die sich erst dann wohl fühlen, wenn sie die Probleme anderer Lösen können (um sich mit den eigenen nicht auseinandersetzen zu müssen). Da wird jeder Hinweis, dass es mir seelisch gut geht, dass mein Krankheitsverlauf bislang sehr milde ist, dass ich tolle Ärzte habe und alles weitere, das den Eindruck vermitteln könnte, dass ich die Sache im Griff habe, mit einem Streich vom Tisch gewischt. Jeder Satz wird mit Horrorgeschichten vom Hörensagen, mitleidigen Lauten, Mimiken und Gesten kommentiert. Am besten noch mit Sätzen wie: „Ach, du bist so tapfer. Aber du weißt, dass du auch schwach sein darfst.“ Ich denk nur immer: „Ja, weiß ich. Weißt du auch, dass du jetzt einfach mal die Klappe halten darfst?“

Was dieser ganzen Misere dann aber immer noch die Krone aufsetzt, ist der Umstand, dass die Ratschläger in der Tat glauben, sie würden mir, bzw. jeder anderen beratschlagten kranken Person, etwas Gutes tun. Und dann erwarten die auch noch Dankbarkeit. Zeig mal Dankbarkeit, wenn du von dem Gelaber einfach nur abgrundtief genervt bist. Bleib da mal freundlich. Das ist nicht so einfach. Zumindest nicht für mich.

Und ich sehe auch nicht ein, warum ich Dankbarkeit heucheln sollte, nur damit es den Leuten um mich herum bessergeht.

Ich bin die, die krank ist. Ich hab die Kacke auch dann noch am Schuh, wenn der Ratschläger sich wieder seines gesunden Lebens erfreut. Und ich hab genug damit zu tun, meinen Therapieplan einzuhalten, sprich: an meine Injektionen zu denken, meine Tabletten nicht zu vergessen, regelmäßig neue Rezepte zu bestellen, an die quartalsmäßigen Neurologentermine und Blutabnahmen , die begleitenden Untersuchungen in der Uniklinik und beim Augenarzt, sowie alle sonst noch notwendigen und üblichen Boxenstopps bei diversen anderen Fachärzten. Dazu muss ich kognitiv und psychisch meine Schmerzen und Einschränkungen, sowie mögliche Zukunftsszenarien klarkriegen und ganz nebenbei meinen Alltag mit Beruf, Ehe, Familie und Freizeit mit all ihren unterschiedlichen Ansprüchen wuppen.

Wenn ich bei alledem für etwas weder Zeit noch Kraft noch Nerven habe, dann sind das die Gefühle und Sorgen, die meine Diagnose bei meinen Mitmenschen auslöst. Das ist allein deren Angelegenheit.

Das soll nicht heißen, dass ich für ehrliche Anteilnahme (nachfragen, zuhören. verstehen) nicht dankbar bin. Aber ich brauche keine Menschen, die mich auf meine Krankheit reduzieren oder zu einem Katalysator ihrer eigenen Probleme machen.

Ich brauche Menschen, die meine Erkrankung ernstnehmen, die aber zugleich stark genug sind, durch sie hindurchzusehen und zu erkennen, dass ich auch noch da bin.

Und ich wage mal zu behaupten, dass das nicht nur mir so geht, sondern jedem, der mit irgendeiner Krankheit lebt.

7 Gedanken zu “Blabla

  1. Bester Tip bei mir nach 20 Jahren MS
    “ Mit ein bisschen Sport sollte das doch zu beheben sein „. Ich habe mich sooo geärgert, dass ich den Kontakt danach abgebrochen habe.

  2. „Du darfst nicht denken, deine Krankheit wäre unheilbar.“ wurde mir gesagt. Sie ist aber nun leider unheilbar, ob ich das nun denke oder nicht.

    1. Du kannst doch auch nicht erwarten, dass man einfach die Realität akzeptiert. Schließlich kann man sich doch alles schönreden. Ich mach mir die Welt widewidewie sie mir gefällt …

  3. Ein wirklich guter Beitrag, den ich als seit pber zwanzig Jahren an MS erkrankte Frau nicht nur sehr gut nachvollziehen kann, ich würde ihn glatt jedem gerne vor die Nase halten, der mir wieder mal mit Ratschlägen kommt und ihn/sie zwingen, das zu lesen und vor allem zu beherzigen.Mache ich natürlich nicht, denn dafür bin ich doch zu gut erzogen, aber ich kann so gut nachvollziehen, wie du innerlich vor Wut „gekocht“ haben musst. Habe das ja alles ebenso erlebt und dazu am Anfang noch die Sprüche: „Sie sehen aber gar nicht krank aus“ usw. Ojetzt die Leute, die mir erzählen, sie kennen ja auch noch jemanden mit MS, der aber noch genauso fit sei wie zuvor. Am schlimmsten jedoch ist leider meine Mutter: sie ist sicher, dass ich nur erkrankt bin, weil ich rauchte. Selbst heute fängt sie immer wieder davon an, denn seit ich bettlägerig geworden bin vor über vier Jahren, hab‘ ich dann 2015 wieder angefangen mit der schlechten Angewohnheit. Das war von mir bescheuert, weiß ich, doch was soll‘s, ich werd nie wieder gehen können, das ist Fakt. Und da ich vor ein paar Jahren auch noch den rechten Arm auskugelte und mehrer Ärzte vergeblich versuchten ihn einzurenken, was erst dem fünften Arzt, dem Oberarzt, dann auch gelang, kann ich den Arm nicht mehr gebrauchen also nicht mehr schreiben etc., denn Bänder und Sehnen sind überdehnt und ich hab enorme Schmerzen, die ich nur mit Fentanyl und anderem erträglich halten kann.
    Ups, sorry, wollte gar nicht so viel schreiben, tut mir ehrlich leid, dich so sehr zuzutexten. Dabei wollte ich dir nur für den tollen Beitrag danken. Also vielen Dank, ich verstehe dich. Bleib bei deiner Meinung und höre nicht mehr weiter hin, ich denke mal, sie fühlen sich wie meine Mutter einfach auch nur hilflos. Wir sollten vielleicht etwas Mitleid haben.😉 In diesem Sinne, alles Gute und weiterhin viel Kraft,
    Kirsten (hexenweib64)

    1. Es tut mir sehr leid, dass es dir körperlich so schlecht geht. Und dass dann auch noch der emotionale Stress mit deiner Mutter dazukommt. Braucht kein Mensch! Wie gut, dass du offensichtlich deinen Humor behalten hast. Das ist so viel wert.
      Ich wünsche dir viel Kraft und Durchhaltevermögen.
      Und vielen, vielen Dank für dein positives Feedback.

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