wir müssen reden

„Ach, sieht man dich auch mal wieder?! Meine Liste lag schon draußen, damit ich dich anrufen kann.“

Es klingt in meinen Ohren wie eine Drohung. Obwohl ich mir fest vorgenommen habe, mich nicht mehr vor anderen zu rechtfertigen, erkläre ich, warum man mich so lange nicht zu Gesicht bekommen hat. Von den Spastiken, dem unterdrückten Immunsystem, dem Stress, dass ich im Moment aufpassen muss, worin ich meine Kräfte investiere beziehungsweise ob ich versuche, auf Kräfte zuzugreifen, die ich in Wirklichkeit im Moment nicht habe.

Noch während ich spreche, dröhnt es an mein Ohr: „Da musst du dann ja wohl mal zum Arzt gehen und dich anders einstellen lassen. Ich kenne eine Frau, die hat auch MS. Und die kann alles machen. Sogar Wasserski…“

Da ist sie also wieder, die Reaktion, die ich am meisten hasse. „Ich kenn ja auch eine, die MS hat und bei der … bla, blabla, blablabla.“

Innerlich koche ich, muss dem dringenden Wunsch widerstehen, meine Gesprächspartnerin anzupöbeln. Äußerlich bleibe ich halbwegs ruhig und sage: „Gibt halt schon nen Grund, warum Multiple Sklerose auch Krankheit der 1000 Gesichter genannt wird. Der Krankheitsverlauf und die Symptome sind bei jedem Erkrankten völlig individuell. Ich muss dich also enttäuschen: Das Motto „Kennste einen, kennste alle“ funktioniert hier nicht.“

Sie schweigt. Keine Ahnung, ob sie verstanden hat, was ich sage. Vermutlich nicht.

Ich weiß, dass ich mich nicht aufregen sollte. Weil es nichts bringt. Weil es Stress bedeutet. Aber ich tue es trotzdem. Über die Ignoranz, mit der mir immer wieder gesunde Menschen ohne jegliche Kenntnis von meiner Krankheit begegnen, während sie versuchen, mir zu erklären, wie man richtig mit meiner Krankheit lebt. Dieses Verhalten ist zwar nur eine von vielen Blüten aus einem äußerst vielfältigen Strauß an verletzenden, nervigen oder schlicht dummen Kommentaren, aber doch auch die dornigste.

Leider beschäftigt mich diese kurze Unterhaltung länger als ich es gerne hätte. Noch nach Tagen steigt mir das Gesagte immer wieder in den Kopf. Ob ich will oder nicht. Am Ende frage ich mich, ob ich vielleicht überreagiere. Zu empfindlich bin. Habe wirklich nur ich diese Probleme?

Seit etwa einem halben Jahr bin ich in einer Facebook-Gruppe für MS-Patienten in Hessen. Auf Offline-Selbsthilfegruppen habe ich irgendwie keine Lust, aber online kann man halt mal unverbindlich reinschauen, wenn einem danach ist. Dort stelle ich die Frage, ob den anderen Mitgliedern so ein Verhalten von Leuten in ihrem Umfeld bekannt ist und wie sie damit umgehen. Außerdem will ich wissen, ob und wie sie es schaffen, solche Sprüche an sich ranzulassen. Die Reaktionen sind von „Ich bin da abgestumpft. Es berührt mich nicht mehr, aber ich kann dir nicht sagen, wie ich das geschafft habe“ über bemühte und mühsame Erklärungsversuche für Gesunde oder triefenden Sarkasmus bis hin zu völliger Ratlosigkeit und Zorn.

Offensichtlich bin ich mit meinem Empfinden und Erleben nicht allein. Besonders eine Aussage bleibt hängen. Eine Frau schreibt: „Nur MS-Mitstreiter können uns WIRKLICH richtig verstehen. Das ist meine Erfahrung.“

Dem ist erst mal nichts mehr hinzuzufügen.

Außer vielleicht eine Sache noch:

Liebe gesunde Mitmenschen, Freunde und Bekannte,

ich weiß, dass es schwierig ist, mit Krankheit umzugehen. Noch dazu, wenn es um Krankheiten geht, von denen man des Öfteren hört, von der man aber im Grunde keine Ahnung hat. Und die man dann auch noch von außen nicht sehen kann. Sicher fühlt man sich dann gelegentlich hilflos, uninformiert, vielleicht sogar dumm.

Niemand ist dumm, nur weil er von einem Thema keine Ahnung hat. Über genau dieses Thema dann aber zu sprechen … nun, das ist eine andere Sache.

Es erwartet keiner von euch, dass ihr Experten für unser Problem seid. Jeder Multiple Sklerose-Patient muss selbst sein eigener Experte sein. Bei anderen Krankheiten ist es vermutlich oft ähnlich. Aber wenn ihr mitreden wollt, dann informiert euch doch bitte auf entsprechenden Internetseiten (z.B. www.dmsg.de) oder – noch besser – fragt nach. Nicht bei irgendwem, der die gleiche Krankheit hat. Bei der erkrankten Person, um die es geht. Dem Menschen, der euch gegenübersitzt, oder dessentwegen eure Liste bereits neben dem Telefon liegt. Wir alle sind gerne bereit, euch zu erzählen, wie es uns geht, was die Krankheit bedeutet und was das mit uns macht. Das hilft allen Beteiligten mehr als Vorurteile, Fehleinschätzungen, Schuldgefühle und Klugscheißerei.

Wir brauchen weder Mitleid, noch kluge Ratschläge. Aber Interesse und Verständnis wären toll.

Und wenn es euch nicht interessiert, ist das auch okay. Aber dann seid so ehrlich und sagt das.

Wir müssen miteinander reden.

Danke.

2 Gedanken zu “wir müssen reden

  1. Liebe Mia,
    wie sehr finde ich mich in deinen Worten wieder.
    Ich kann nach über 20 Jahren MS die Menschen, die nicht nervig, beleidigend oder völlig uninformiert auf mich reagieren, an zwei Händen abzählen.
    Je nach Aussage hallen mir die Ansagen auch häufig noch ganz lange nach. Am verletzenden sind sie, wenn sie von eher nahestehenden Personen kommen.
    Ich bin nach wie vor der Meinung, dass unsere Mitmenschen für einen kranken Gegenüber nur für kurze Zeit Verständnis aufbringen können, dann muss dieser entweder gesunden oder sterben. Schon gar nicht darf er zwischenzeitlich bessere Zeiten haben und dann wieder ganz Schlechte. Symtome die nicht sichtbar sind, das geht schon gar nicht.
    Leider kann ich dir auch keinen Tipp geben, ich bin auch immer noch auf der Suche nach einem dickeren Fell.
    LG Elke

    1. Liebe Elke,
      danke für die Rückmeldung. Es ist so gut zu wissen, dass andere mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Das hilft, mit dem unguten Verhalten im Umfeld besser umzugehen. Vermutlich hilft in der Tat nur ein sehr, sehr dickes und struppiges Fell.

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