November Pain

Falls du es noch nicht wusstest: Der November ist ein Arschloch.

Ich hasse ihn, diesen trüben, dunklen, grauen, depressionsprovozierenden, mit Arbeit vollgepackten Postzeitumstellungsmonat. Irgendwie ist im November immer alles doppelt nervig und er zieht sich gefühlt hin, als hätte er 60 Tage statt nur 30.

 

Der größte, wichtigste Punkt auf meiner To-Do-Liste der Selbstoptimierung, rot umrandet und mit Glitzer bestreut, ist Gelassenheit. Wenn ich etwas mache, mache ich es für gewöhnlich richtig. Ich häng mich voll rein, gebe alles und möchte ein herausragendes Ergebnis erzielen. Als ich im Sommer zum ersten Mal seit 16 Jahren einen ehemaligen Klassenkameraden wiedersah (den ich echt richtig vermisst hatte), fiel von seiner Seite irgendwann der Satz „Ja, du warst ja schon immer sehr ehrgeizig.“ Und ich dachte nur: Verdammt, ja! War ich immer! Allerdings nicht immer zu meinem Vorteil. Und wenn wir schon dabei sind: ein kleiner Kontrollfreak bin ich auch. Hatte zwar immer den Vorteil, dass ich zu keinem Zeitpunkt irgendeine Neigung zu berauschenden Substanzen hatte – Kontrollverlust und so – andererseits mache ich mir so natürlich auch unnötigen Stress.

Sobald ich etwas sehe, das nicht rund läuft, das verbessert werden könnte, das vielleicht auch nur völlig scheiße und inakzeptabel ist, dann gibt es kein Halten mehr. Ich will nicht nur auf das Optimierungspotenzial hinweisen (was ja für viele Menschen schon ein Affront ist), ich will auch, dass es umgesetzt wird. Und zwar möglichst sofort (kommt meistens auch nicht so gut :-D).

Das produziert Stress! Nicht nur bei den Leuten, die ich mit meiner unendlichen Weisheit beglücke (zwinkerzwinker), sondern auch bei mir.  Schließlich muss ich mich so nicht nur um meine eigenen Baustellen kümmern – und derer gibt es unzählig viele – sondern auch um die meines Umfelds. Mit dieser Einstellung steht man ständig unter Strom. Und wenn ich mir überlege, was für einen Druck ich mir schon in Schule und Studium auferlegt habe, und mit was für einem Wochenpensum an Arbeit ich durch mein bisheriges Berufsleben gehetzt bin, da frag ich mich, wie ich das überhaupt schaffen konnte.

Aber eins ist klar: gesund war das nicht. Ganz offensichtlich. Stress ist ungesund. Ganz besonders, wenn er durch unausgesprochene Erwartungen und unverlässliche, sich widersprechende und je nach Tagesform unterschiedliche Aussagen und Verhaltensweisen entsteht.

Spätestens seit meiner MS-Diagnose vor eine Jahr habe ich verstanden, dass es so nicht mehr weitergehen kann. An diese Einsicht angeschlossen war die Erkenntnis, dass das einzige Verhalten, das man verändern kann, das eigene ist. Vermutlich war das eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Lebens. Jetzt geht es natürlich an die Umsetzung …

 

Da mein Lebensmittelpunkt auf absehbare Zeit in Mittelhessen liegen wird, versuche ich im Moment, ein bisschen hessisches Platt zu lernen (was total schwierig ist, weil irgendwie jedes Dorf seine eigene Aussprache und eigene Wörter hat). Sprachen und Dialekte faszinieren mich ohnehin sehr und ich möchte mich ja auch mit den Nachbarn meiner Schwiegereltern verständigen können. Also lasse ich mir von meinem Mann und meiner Schwiegermutter ab und zu einen Satz auf Platt beibringen. Mittlerweile kann ich so sieben oder acht.

Mein Lieblingssatz ist: Meecht ja naut. Auf Hochdeutsch: Macht ja nichts.

 

In den ersten drei Monaten dieses Schuljahres ist es mir überraschend gut gelungen, entspannt zu sein. Wo ich mich früher über Schüler, Kollegen, Eltern oder Umstände aufgeregt hätte, riefen die gleichen Situationen meist nur noch ein schulterzuckendes „Ach, meecht ja naut.“ hervor und interessierten mich nicht weiter. Alles war auf einmal irgendwie völlig easy.

Dann kam der November.

Und mit ihm kam der Stress.

Auf einmal sind die Schüler kollektiv unmotivierter, überforderter, vergesslicher, quasseliger, lauter … kurz: anstrengender. Es stehen Elternsprechtage an, durch den Tag der offenen Tür samt Vorbereitung fehlt Erholungszeit, die Nervosität steigt auf allen Seiten und eruptiert schließlich: in, dreckigen Toiletten (es fehlt ja die Zeit, mal einen Blick hinter sich zu werfen und etwaige Spuren zu beseitigen), Überforderungsgefühlen, dem Drang, herausfordernde Schüler loszuwerden, schlechter Laune, einem ruppigen Umgangston und so weiter und so fort.

Irgendwann wandelt sich da auch in mir ein „Meecht ja naut“ zu einem „Verdammte Kackscheiße“ und Gelassenheit zu Stress.

Und das darf nicht sein! Einfach, weil ich mir Stress nicht leisten kann.

Es ist unfassbar, wie sehr die vergangenen zwei Wochen an meinen Nerven gezerrt haben, wie meine körperlichen Beschwerden direkt wieder schlimmer wurden, die Fatigue sich deutlich verstärkt und ich absolut keine Kraft mehr für irgendwas habe. Nicht mal für die dringen notwendige Seelenhygiene.

Jetzt denkst du vielleicht als gesunder Mensch beim Lesen: „Ja und? Geht doch jedem so.“ Und da muss ich dir leider sagen: Jein. Natürlich geht es vielen Leuten im Moment nicht gut. Natürlich steigen der Stresspegel, Frustration und Arbeitspensum im November für andere genau so wie für mich. Der Unterschied ist aber, dass die meisten anderen Menschen keine Autoimmunkrankheit bzw. allgemein keine chronische Krankheit haben. Wenn diese Zeit gerade schon einen gesunden Menschen an den Rand seiner Kräfte und sogar darüber hinaustreibt, gilt das umso mehr für jemanden, der krank ist und ohnehin schon mit deutlich reduzierten Kraftressourcen umgehen muss. Abgesehen davon, dass Stress das ohnehin schon unterdrückte Immunsystem weiter reduziert und dazu noch an den ohnehin schon malträtierten Nerven zerrt, die es doch für uns MS-Patienten unbedingt zu beschützen gilt.

Da bleibt also nur mal wieder eins: Gelassenheit. Stress reduzieren. Sich dem allgegenwärtigen Wahnsinn so gut wie möglich entziehen.

Gerade jetzt in Phasen wie diesen ist es so wichtig, Grenzen zu ziehen.

Vor allem, weil man eine chronische Krankheit von außen häufig nicht sieht. Weil man als MS-Patient (und sicher auch als Mensch mit anderen chronischen Krankheiten) im Normalfall Besseres zu tun hat, als die Krankheit vor sich her zu tragen. Und weil ich persönlich auch immer äußerst bemüht bin, mir den Tag nicht auch noch durch Jammern und Selbstmitleid zusätzlich zu versauen.

Das mag dann auf manch einen Mitmenschen dann durchaus faul, egoistisch oder arrogant wirken, aber hey…meecht ja naut.

 

Ein Gedanke zu “November Pain

  1. Du sprichst mir aus der Seele aber ich habe es nach 20 Jahren MS immer noch nicht raus mit der Gelassenheit. Wenn ich meine, eine Situation gut bzw. gelassen gemeistert zu haben beschert das Schiksal mir umgehend wieder eine neue Hürde, bei der ich im Punkte Gelassenheit völlig versage. Dies befeuert häufig wieder mein Immunsystem im negativen Sinn. Von einigen Menschen die mir nahe sind werden mir dann indirekt sogar Vorwürfe gemacht weil ich nicht cool genug bin. Also wieder neuer Stress.
    Ich grüße dich
    Elke

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