Spast

Eine der Lieblingsbeschimpfungen aller Schüler ist ja Spast. Jedes Mal, wenn ich das Wort höre, frage ich die Schüler: „Weißt du denn, was ein Spast ist?“ Und ich bekomme immer die gleiche Antwort: Ja, klar. Ein Spast ist ein kleiner Vogel.“ (aus: Frau Freitag: Chill mal, Frau Freitag)

 

Eine Sache, die ich wirklich genieße, ist mein täglicher Fußweg zur Arbeit und zurück. Diese 2 bzw. insgesamt 4 Kilometer sind für mich Freiraum und Freiheit. Raum, um morgens fit zu werden (das klappt vor allem im Winter besonders gut), um die Gedanken zu sortieren, zu beten, Musik zu hören und um Abstand von der Arbeit zu gewinnen. Außerdem hat frische Luft ja auch noch nie jemandem geschadet. Sagt zumindest meine Mutter.

Wenn ich diese tägliche Zeit für mich nicht hätte, würde mir echt was fehlen. Umso besorgter war ich, als ich vor einigen Wochen erstmals ein äußerst schmerzhaftes Ziehen in meinem linken Bein verspürte. Ich kannte dieses Gefühl bereits vom letzten Sommerurlaub in Amsterdam, wo wir jeden Tag so 15-20 Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatten. Da hatte ich es allerdings als Zeichen von Übermüdung gedeutet und war davon ausgegangen, dass es verschwinden würde, sobald ich meine Fußwege wieder auf ein vernünftiges Level senke. Mit dem Ende des Urlaubs hatte ich auch wieder Ruhe gehabt. Und jetzt, auf einmal, ging es wieder los.

Am ersten Tag dachte ich noch, dass das bestimmt eine einmalige Sache war, die wieder verschwinden würde, sobald ich nach den langen Sommerferien wieder an den täglichen Fußmarsch gewöhnt war. Leider verschwanden sie nicht wieder, sondern begleiteten mich nun täglich auf meinem Weg zur Arbeit und heim. An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, überhaupt nicht vom Fleck zu kommen und spielte ernsthaft mit dem Gedanken, mich von meinem Mann mit dem Auto abholen zu lassen. (Hab ich allerdings nie gemacht, dazu war und bin ich dann doch zu stolz…) Gleichzeitig wurden die Schmerzen im linken Arm wieder stärker. Meine gesamte Bekanntschaft mit der MS begann ja mit im Februar 2016 mit beinahe unerträglichen Schmerzen und Taubheitsgefühlen linken Arm. Gefühl, Kraft und Feinmotorik sind seitdem nicht mehr vollständig zurückgekommen, aber die Schmerzen waren meistens weg. Jetzt kamen sie wieder öfter, heftiger und mittlerweile nahezu dauerhaft. Immer wieder spürte ich Krämpfe in Arm und Bein, selbst dann, wenn beide völlig entspannt gelagert waren.

Mein erster Gedanke war, dass ich vielleicht eine Thrombose haben könnte. Dann hätten die Schmerzen im Liegen jedoch verschwinden müssen, was sie nicht taten. Einen Schub hielt ich ebenfalls für unwahrscheinlich, weil ich mich dafür insgesamt noch viel zu gut fühlte.

Da ich jetzt nicht so der Typ bin, der Beschwerden gerne hochkocht und ich ohnehin wusste, dass im September ein MRT und ein Gespräch mit der Spezialistin in der Uniklinik anstand, dachte ich, ich warte einfach mal ab, wie sich alles entwickelt. Der Schmerzzustand blieb, so unangenehm er auch war bzw. ist, stabil, mein Nervenkostüm wirkte nicht weniger stark als sonst, und mein Terminkalender ließ ohnehin nicht wirklich Lücken für weitere Arztbesuche.

Der Besuch in der Uniklinik bestätigte, dass die Beschwerden nicht von einem neuen Schub kommen. Dafür, so erklärte man mir, hätte ich neue Symptome entwickeln müssen, das hier waren aber alte Symptome. Nervige, aber eben alte. Meine wirklich großartige Spezialistin (die ich leider nur einmal im Jahr sehe) nahm meine Beschwerden dennoch ernst und wusste zudem auch sofort, was los ist.

Die Krämpfe und die daraus resultierenden Schmerzen sind… Taddaaaa… beginnende Spastiken. Vermutlich ausgelöst von der alten Läsion im Rückenmark.

Wie immer bin ich erst mal erleichtert, dass ich die (vergleichsweise harmlose) Ursache dieser neuen Beschwerden jetzt kenne. Auf eine weitere Runde am Kortison-Tropf hab ich aktuell nämlich echt keine Lust. Statt Kortison bekomme ich jetzt Muskelrelaxantien. Direkt zu meinen Tabletten gab es einen Therapieplan, der mir sagt, wie ich die Dosis meiner Tabletten steigern soll. Dieser ist aber, wie man mir sagte, nur ein Vorschlag. Ich soll selber experimentieren, was mir guttut, wann ich eine positive Wirkung spüre und womit ich mich wohlfühle. Sobald ich diese Dosierung kenne, soll ich sie beibehalten. Wird natürlich gemacht.

Mittlerweile habe ich jetzt so viele Tabletten, die ich schlucken muss, dass ich mir erst mal einen Medikamentendosierer bestellt hab. Ich Schussel vergesse sonst eh nur wieder die Hälfte. Und dann kann ich es auch gleich ganz lassen…

Wie immer muss ich feststellen, dass auch diesmal Timing, Beratung und Behandlung mal wieder einwandfrei waren. Und ich bin überaus dankbar, wie das alles wieder gelaufen ist. Natürlich wäre es schöner, gesund zu sein und mich gar nicht mit diesem Mist auseinandersetzen zu müssen. Aber das wären 10cm mehr Körpergröße und sportliche Fähigkeiten, die das Gehen auf ebener Strecke übersteigen, auch. Das Leben ist eben kein Wunschkonzert und es könnte in der Tat alles noch viel, viel schlimmer sein.

 

Ich bin ein kleine Spast, und nehm das ganz gefasst. Piep, piep, piep, weil ich weiß, dass Gott mich liebt.