kein schlechtes Gewissen

Gleichzeitig mit meiner Multiple Sklerose-Diagnose im vergangenen Jahr bekam ich von mehreren Seiten den Hinweis, dass ich mich umgehend um einen Schwerbehindertenausweis kümmern solle. Die Vorstellung, mir so ein Ding zu besorgen, war zunächst äußerst seltsam. Schwerbehindert? Ich? Irgendwie passte das in meinem Kopf nicht so ganz zusammen. Und außerdem wollte ich mich ja auch echt nicht so anstellen… Da mir jedoch auch meine Spezialistin von der Uniklinik mehrfach sagte, dass ich mich an den VdK wenden und zumindest um Beratung bitten solle, wagte ich letzten Endes den Schritt und stellte einen Antrag.

Seit letztem Dezember bin ich nun also in Besitz eines Schwerbehindertenausweises. Dieser bringt, wenn man mal die Angst vor dem eingebildeten Makel überwunden hat, einige Vorteile mit sich, nicht zuletzt bei der Arbeit. Mein Arbeitgeber hat jetzt nämlich vereinfacht gesagt Schwarz auf Weiß, dass es besondere Fürsorge dafür tragen muss, dass ich meine Arbeit sinnvoll so ausüben kann, dass sie mich nicht weiter schädigt und ich dem Arbeitsmarkt möglichst lang erhalten bleibe.

Dazu gehören beispielsweise Maßnahmen, wie besondere Rücksichtnahme bei der Stundenplangestaltung (was an meiner Schule wirklich vorbildlich gehandhabt wird und wofür ich unglaublich dankbar bin) oder die Entbindung von Klassenleitungsaufgaben, sofern ich das wünsche (tue ich).

Der umfangreichste Punkt auf der gar nicht mal so kurzen Liste an zusätzlichen Rechten, die ich nun habe, ist der Anspruch auf 5 zusätzliche Tage Urlaub. Als Lehrerin ist dieser natürlich nicht so einfach zu nehmen, also wurde die Absprache getroffen, dass ich diese fünf Tage dann nehme, wenn die Schüler auf Klassenfahrt sind. Das erschien allen bei dieser Absprache Beteiligten sinnvoll, zumal eine Klassenfahrt entgegen der allgemeinen Vermutung kein Urlaub ist, sondern ein Knochenjob. Lange, vollgepackte Tage und äußerst kurze Nächte sind schon für Gesunde eine echte Herausforderung. Muss man sich nicht antun, wenn seine Nerven noch ein Weilchen halbwegs unbeschadet erhalten will.

Diese Klassenfahrtenwoche beginnt am Montag.

Natürlich fiel auch diversen Kollegen beim Blick auf die Klassenfahrtenliste auf, dass ich nirgendwo eingeteilt war und so häuften sich in den vergangenen Tagen die Fragen, wo ich denn mitfahren würde. Da ich ja momentan voll auf dem „ich geh offen mit meinem Zustand um“-Trip bin, erklärte ich jedem, der mich fragte, dass ich die nächste Woche frei habe und warum.

Die Reaktionen darauf waren höchst unterschiedlich und äußerst interessant. Viele meiner Kollegen hatten vollstes Verständnis, wünschten mir eine gute Woche und Erholung, erkundigten sich, wie die Lage aktuell denn überhaupt sei und konnten mit meinem Zusatzurlaub wunderbar leben.

Aber es gab auch wieder die Anderen. Jene, die der Meinung sind, dass jemand nur dann krank ist, wenn man es dieser Person auch ansehen kann. Solange aber äußerlich alles okay wirkt, hat man zu funktionieren. Zusätzlich erschwert wurde das Verständnis dadurch, dass man in bestimmten Frömmigkeitsrichtungen ja die Meinung vertritt, dass man als guter Christ leidensbereit sein müsse und es unchristlich sei, bestimmte Rechte einzufordern. Also lieber totarbeiten als Rechte einzufordern Entsprechend schlug mir hier und da einiges an Argwohn entgegen. Und ich kam überraschend gut damit zurecht.

Überraschend deshalb, weil ich eben auch aus dieser eben genannten Frömmigkeitsrichtung komme, in der Selbstkasteiung, Selbstaufgabe, Perfektionismus und Schuften ohne Rücksicht auf Verluste zum guten Ton, wenn nicht gar zu den Tugenden schlechthin gehören. Die Entscheidung, trotz Fehlens einer Diagnose und allein aufgrund meines Gesundheitszustands und meines Bauchgefühls meine damalige Klasse abzugeben und auf einen halben Lehrauftrag zu reduzieren, war mir unglaublich schwergefallen. Bis zuletzt hatte ich gezweifelt, ob das so richtig war (vereinzelte Vorwürfe, ich sei unprofessionell machten die Sache nicht gerade leichter). Das gesamte vergangene Schuljahr über hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nach 10 Jahren im Beruf erstmals nicht in der Arbeit ertrank und tatsächlich so etwas wie Freizeit hatte. Das ist doch bekloppt!

Und beinahe wäre es in diesem Schuljahr genauso bekloppt weitergegangen. Irgendwie erfülle ich momentan ja dieses Klischee der faulen Lehrerin, die mittags nach der 6.Stunde heimgeht; die vormittags Recht und nachmittags frei hat. Dieses grüne Plastikkärtchen namens Schwerbehindertenausweis hat mich glücklicherweise rechtzeitig daran erinnert, dass die reduzierten Stunden, das Dasein als reine Fachlehrerin, die Entbindung von diversen Aufgaben ja einen Grund haben.

Trotz Taubheit in der linken Körperhälfte, trotz neuerdings dauerhaft auftretender Schmerzen, die ich noch abklären muss, trotz des regelmäßigen Spritzens, trotz der ständigen Erschöpftheit und trotz der regelmäßigen Termine bei meinem Neurologen vergesse sogar ich manchmal, dass ich krank bin. Scheinbar ist der Umstand, dass mein Immunsystem mein ZNS zerfrisst, noch immer nicht bis zu den Tiefen meines Verstandes vorgedrungen. Echt total bekloppt. Immer wieder falle ich darauf herein, dass ich die fünf Minuten am Tag, in denen es mir mal gut geht, höher werte als die übrigen 1435. Immer wieder verdränge ich, dass ich in diesem Kalenderjahr noch keinen einzigen Tag wirklich gesund war und rede mir ein, dass alles so sei wie immer.

Und wenn ich selber doch manchmal verdränge, dass ich tagtäglich gegen eine echt beschissene Autoimmunkrankheit kämpfe, wäre es vermessen, zu erwarten, dass es den Menschen um mich herum nicht ebenso geht. Irgendwie ist es ja auch schmeichelhaft, dass man mich die meiste Zeit als junge, agile Person wahrnimmt, der man schon mal was zutrauen kann. Könnten die Leute in meinen Kopf sehen, wüssten sie, dass dieses Bild in 99% der Zeit leider nicht der Realität entspricht.

Die wirklich schlimmen Tage, an denen man auch außerhalb meines Kopfs mitbekommt, dass es mir nicht gut geht, gibt es natürlich auch. Die werden aber aufgrund des Bildes, das viele Leute von mir haben, jedoch viel zu oft mit Launenhaftigkeit, Faulheit oder Lustlosigkeit wegerklärt. Nachfragen ist ja auch so anstrengend…

Ich bin weder faul, noch lustlos, noch launisch.

Ich bin unheilbar krank. Kein Gejammer, einfach eine Feststellung der Fakten.

Man bekommt einen Schwerbehindertenausweis nicht einfach mal so. Man muss umfassend begründen und belegen, dass man ihn braucht.  Weil ich das weiß und weil die Multiple Sklerose meinen Alltag leider doch mehr beeinflusst, als ich es bislang wahrhaben wollte, sehe ich mittlerweile absolut kein Problem mehr darin, meine Schwerbehindertenrechte einzufordern.

Deshalb werde ich die nächste Woche genießen, ausspannen, etwas für meine Seele und meine Nerven tun. Sicherlich werde ich auch öfters an die Kollegen denken, die sich rund um die Uhr mit einer Horde fremder Kinder herumschl…. ääh… beschäftigen werden. Aber ich werde ganz bestimmt kein schlechtes Gewissen haben.

Wer möchte, kann mir das gerne negativ anrechnen und vorwerfen, kann mir die freien Tage missgönnen, mich als Schmarotzer oder gar als schlechten Christen ohne Leidensbereitschaft ansehen.

Diese zusätzlichen Urlaubstage entsprechen geltendem Recht, das mir aufgrund meines Schwerbehindertenausweises zusteht.

Mit den Gründen, die mich zum Besitz dieses Ausweises berechtigen, habe ich zudem so viel Kacke am Schuh kleben, dass man schon ein sehr unverständiger, böswilliger oder ignoranter Mensch sein muss, wenn man tatsächlich glaubt, ich wäre einfach nur faul.

Und die Meinung solcher Menschen ist ohnehin völlig irrelevant.

2 Gedanken zu “kein schlechtes Gewissen

  1. Liebe Mia,
    das kommt mir alles so bekannt vor. Ich hoffe nur, du empfindest auch tatsächlich im tiefsten Herzen so und nimmst dir die unangepassten Kommentare deiner Kollegen wirklich nicht zu Herzen. Ich habe mir auch gerne eingeredet
    da drüber zu stehen aber insgeheim hat es doch an mir genagt. Das ist aber völliger Quatsch, es gibt immer Nörgler und Neider, sogar auf kranke Menschen und deren wenigen Vergünstigungen.
    LG Elke

  2. Liebe Mia!
    Du hast recht, dass du kein schlechtes Gewissen hast! Ich denke, niemand möchte ernsthaft mit dir tauschen und lieber eine Woche frei haben, dafür aber deine Krankheit haben.
    Leider gibt es immer wieder Neider. Aber du hast recht, wenn dir die Meinung egal ist.
    Ich wünsche dir von Herzen eine schöne Woche mit ganz vielen Auftanktmomenten!
    LG Astrid

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