Ich hab es getan…

Ein Bekannter, den ich sehr schätze und dem ich viel zu verdanken habe, sagte mir vor einigen Jahren: „Dein Bauchgefühl ist der beste Freund, den du hast“ Und er hatte Recht. Egal, wie sehr und oft ich versuche, Dinge im Voraus bis ins letzte Detail logisch zu durchdenken, am Ende stelle ich immer wieder fest, dass mein erster Impuls der richtige war. Sei es bei lebensverändernden Entscheidungen, bei der Einschätzung von Menschen, die ich neu kennen lerne, oder bei der Bestellung im Restaurant – mein erstes Bauchgefühl hat fast immer Recht.

Und trotzdem tendiere ich weiterhin dazu, bei allen möglichen Themen, die mich beschäftigen, zunächst einmal zu versuchen, alle Eventualitäten in epischer Breite gedanklich abzuarbeiten, um dann die vermeintlich beste Entscheidung zu treffen.

Seit März trieb mich die Frage um, ob und in welchem Umfang ich meine Schüler über meine MS-Erkrankung informieren sollte (siehe Wie würdest du entscheiden). Sie war zwar aufgrund aktuellerer Themen eher an den Rand meiner Überlegungen gerutscht, dennoch blieb sie präsent. Und da ich den Sommer über ja, wie bereits erwähnt, fünf Wochen lang mehr oder weniger unbeaufsichtigt war, rutschte diese Frage wieder mehr in den Fokus: Sollten meine Schüler wissen, was mit meiner Gesundheit los ist? Soll ich ihnen wirklich diesen tiefen Einblick in mein Privatleben geben, oder ist der positive Nutzen, den das haben könnte, am Ende doch zu klein?

Meine altersmäßig höchste Klassenstufe, die ich in diesem Schuljahr unterrichte, ist eine 8.Klasse. Wir kennen uns seit einem Jahr und kamen in der Siebten ziemlich gut aus. Aber das hier ist die Achte. Da ist alles anders. Spätestens jetzt schlägt die Pubertät endgültig mit voller Wucht zu. Spätestens jetzt weiß der Durchschnittsschüler, dass man niemandem über 30 trauen sollte, zumal Erwachsene ja ohnehin von nichts Ahnung haben. Spätestens jetzt ergeht sich der Heranwachsende in diversen Allmachts- und Überlegenheitsfantasien und spätestens jetzt wird jeder Blick der Lehrperson, ja ihre bloße Anwesenheit, in 90% aller Fälle als Angriff, als Herausforderung, als Abwertung der eigenen Person aufgefasst. „Wer ist sie, dass sie es wagt, ihr Wort an mich zu richten?“ (Ja, bei manchen Menschen bleibt diese pubertäre Geisteshaltung bestehen und man kann mit ihr sogar Karriere machen…)

Diese permanente Hab-Acht-Stellung und der daraus resultierende auf Vernichtung eingestellte Angriffsmodus, die sich freilich problemlos aus der Entwicklungsphase von Achtklässlern erklären lässt, ist anstrengend.  Und nervtötend. Letzteres kann ich mir nicht leisten. Wenn mein Körper schon selber daran arbeitet, meine Nervenzellen zu zerfetzen, dann muss ich nicht auch noch Unterstützung von außen bekommen.

All diese Gedanken rasten in diesen ersten fünf Minuten, in denen ich einer überaus unmotivierten, unruhigen Horde pubertierender Monster die Modalitäten der 8.Klasse erklärte, durch meinen Kopf. Ich mag die Truppe echt gerne. Und ich habe ihnen im vergangenen Jahr gleich zu Anfang unserer gemeinsamen Zeit einen wichtigen Grundsatz meiner Lehrtätigkeit erklärt: Wenn wir einander nicht vertrauen, können wir nicht gewinnbringend zusammenarbeiten.

Als die Klasse ausführlich über Notenzusammensetzung, Klassenarbeitshäufigkeiten und Lernstandserhebungen informiert war, meldete sich mein Bauchgefühl und ich wusste, was zu tun war. Ich gab der Klasse die Informationen, die sie meiner Meinung nach über meinen Gesundheitszustand wissen mussten:
Dass ich eine Autoimmunkrankheit habe, bei der mein Immunsystem meine Nervenzellen angreift. Dass Nervenzellen irreparabel sind und die Krankheit unheilbar. Dass ich mir regelmäßig Medikamente spritze, um die Krankheit zu verlangsamen, und dass diese Medikamente Nebenwirkungen haben, die immer wieder dazu führen, dass ich nach dem Spritzen eine ziemlich beschissene Nacht habe. Und das Wichtigste in diesem Zusammenhang: dass es, wenn ich mal muffelig oder kaputt wirke und entsprechend dreinschaue, nichts mit ihnen zu tun hat. Dass sie dann auf keinen Fall Dinge denken sollen wie „Boah, was hat die Alte jetzt schon wieder für ein Problem? Die hasst mich voll.“, weil sie aus dem letzten Jahr genau wissen, dass ich Probleme und Fehlverhalten direkt anspreche. Man konnte förmlich sehen, wie über den ersten Köpfen kleine Glühbirnen aufploppten. Sie hatten verstanden.

Außerdem habe ich meinen Schülern erklärt, was ein Schub ist und sie gebeten, auf ein paar Symptome zu achten, sowie mir gegebenenfalls zu sagen, wenn ihnen ein verändertes Verhalten auffällt, da ich dann zum Arzt und eventuell zur Kortisonbehandlung ins Krankenhaus muss.

Natürlich ist mir klar, dass es für Schüler unglaublich schwer ist, Lehrern zu sagen, wenn ihnen etwas an deren Verhalten auffällt. Wir trimmen unsere Schüler ja leider viel zu sehr darauf, dass der Lehrer unfehlbar ist und auch berechtigte Kritik umgehend und umfassend bestraft wird. Wir erziehen sie dazu, den Mund zu halten und den Zorn innerlich zum allgemeinen Hass zu kultivieren.  Noch etwas, das ich ansprechen musste: Dass es für sie sicher Überwindung bedeutet, mir zu sagen, wenn ich mich komisch verhalte, sie aber keine Angst haben müssen, dass ich dann böse auf sie werde. Dass ich ihnen, im Gegenteil, dankbar für solche Hinweise bin und sie ehrlich um ihre Mithilfe bitte.

Die gesamte Klasse hatte ohnehin die ganze Zeit über so gut zugehört, wie noch nie im vergangenen Schuljahr, aber jetzt waren sie alle hellwach. Eine Lehrerin bat sie um Hilfe… Sofort begannen Überlegungen, wer diese Aufgabe wohl am besten übernehmen könnte und es kamen Fragen, wie und wann sie mir am besten sagen sollten, wenn ihnen etwas auffiel. Tolle Chance, erneut darauf hinzuweisen, dass sie immer – egal, ob ihnen etwas Schubbezogenes auffällt oder sie mein Verhalten einfach so ungerecht oder doof fanden – nach der Stunde oder in den großen Pausen auf mich zu kommen sollen. Ein Schüler fragte sogar äußerst besorgt, ob sie sich nicht vielleicht gleich in der Stunde melden sollen, damit ich umgehend ins Krankenhaus fahren kann. Es könne sich doch um Minuten handeln. Fand ich irgendwie sehr süß. Da war erst mal Beruhigung angesagt…

In der Pause kam eine (neue) Schülerin auf mich zu, ob ich nach der Doppelstunde kurz Zeit für sie hätte. Da erfuhr ich dann, dass sie aufgrund einer Krankheit in den vergangenen Jahren nicht zur Schule gehen konnte und momentan ebenfalls Kortison bekommt (allerdings in Tablettenform). Sofort war eine Beziehung da, ich verstand sie, sie hatte Vertrauen. Eine gute Basis für die kommende Zusammenarbeit.

Natürlich rechne ich damit, dass irgendwann der Moment kommt, in dem einer der Schüler in einem Anflug von pubertärer Ignoranz versucht, diese Sache gegen mich zu verwenden. Das ist okay. Wenn die meisten Erwachsenen schon nicht mit dieser nahezu unsichtbaren, schleichenden Dreckskrankheit umgehen können, wieso sollten es dann Teenager schaffen?

Trotzdem weiß ich, dass das die richtige Entscheidung war. Weil es immer besser ist, Dinge anzusprechen. Mit offenen Karten zu spielen. Für mich selbst Verantwortung zu übernehmen und entsprechend Entscheidungen zu treffen, weil sie für mich richtig sind.  Nicht einzuknicken vor dämlichen Reaktionen der anderen oder vor der Angst vor möglichen Konsequenzen, beziehungsweise vor dem potenziellen Missbrauch der eigenen Ehrlichkeit.

Ich muss mir und anderen immer wieder klarmachen, dass eine Krankheit, ganz gleich welcher Art, kein Grund zu Scham und kein Makel ist. Die Multiple Sklerose ist ein Teil von mir, ob es mir nun passt, oder nicht. Alles, was ich tun kann, ist, damit so natürlich und offen umzugehen, dass sie keine Macht über mich hat. Und was andere mit meiner Krankheit machen, das ist letzten Endes nicht mein Problem.

4 Gedanken zu “Ich hab es getan…

  1. Wow! Ich bin total beeindruckt von deiner Offenheit gegenüber deinen Schülern! Das es nicht einfach war, kann ich mir gut vorstellen. Es ist nie einfach, ein Stück von sich Preis zu geben. Aber ich bin sicher, dass es gut ist. Dass so Offenheit und Vertrauen entsteht und das Wissen, dass Lehrer auch Menschen sind.
    Ich bete, dass die Schüler damit gut umgehen und auf der ganzen Linie ein von Offenheit und Vertrauen geprägtes Schuljahr vor euch liegt!

    1. Danke.
      Letzten Endes kann ich nur davon profitieren. Wenn jemand schnell bemerkt, dass man schräg drauf ist, dann sind das die Schüler, die einen fast täglich erleben.
      Und wenn es richtig gut läuft, lernen zumindest ein paar von ihnen, den Blick von sich selbst und über den ersten Eindruck hinaus zu richten. Win-win. 😉

  2. Liebe Mia,
    Hochachtung, wie ich meine, genau der richtige Schriitt. Für dich aber auch für deine Schüler.
    Ich habe es im Laufe meiner Erkrankung auch immer so gehalten und bin offensiv mit der MS umgegangen.
    Deine Schüler werden dir deine Offenheit hoffentlich danken und du persönlich wirst dich bestimmt besser fühlen, weil du dich zeigst wie du bist und da gehört deine Erkrankung jetzt leider auch zu.
    Alles Liebe
    Elke

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