YOLO

Wie bei allen Kindern, die zu ihren Eltern in einer so großen räumlichen Distanz wohnen, dass spontane Stippvisiten am Nachmittag unmöglich sind, war es auch bei mir in diesen Sommerferien mal wieder Zeit für den obligatorischen Mutter-Besuch. Mindestens einmal im Jahr sollte man sich ja schon mal sehen. Obgleich es in den vergangenen 12 Jahren mehrere Besuche wie diesen gab, hatte der diesjährige Termin doch etwas Besonderes:

Witzigerweise haben sich meine niedersächsischen Eltern nämlich während des Wehrersatzdienstes und der Ausbildung hier in Hessen, unweit meines jetzigen Wohnortes kennen gelernt. Das Ganze ist mittlerweile 52 Jahre her und seit ihrem Weggang damals vor 50 Jahren hatte meine Mutter nie wieder einen Fuß in diese Gegend gesetzt. Mein Vater ist bereits vor 22 Jahren verstorben, sodass sie es, trotz ihres Wunsches, mal wieder nach Weilmünster zu fahren, nie geschafft hat, wirklich dorthin zurückzukehren. Grund genug also, dass mein Mann und ich mit ihr zurück an den damaligen Ort des Geschehens fuhren. Immerhin braucht man ja auch sowas wie Programm, um Muddi bei Laune zu halten.

Es war wirklich spannend, dieses Klinikgelände zu sehen, von dem meine Mutter mir von klein auf immer wieder erzählt hatte. Natürlich kannte ich die Geschichten, die nun vor Ort aus ihr heraussprudelten, in- und auswendig. Ich wusste von den menschenunwürdigen Unterbringungsmethoden damals in Psychiatrien und wie meine Eltern dagegen rebelliert hatten. Ich kannte die Namen und Biographien der Kinder, von denen sie uns erneut berichtete. Und ich wusste bereits, dass die Arbeit dort meine Eltern, vor allem meinen Vater, weit über die Grenzen der psychischen und körperlichen Belastbarkeit geführt hatte. Ich glaube, sogar mein Mann hörte einige der Geschichten bereits zum wiederholten Male.

Es waren also die gleichen Geschichten und Erinnerungen wie vor 50 Jahren, die gleichen Gebäude, die gleiche Außenanlage, die gleichen Emotionen … aber eine völlig andere Welt. Zum einen, weil die Betreuung und das Menschenbild heute (Gott sei Dank) grundlegend anders ist, zum anderen, weil dort mittlerweile natürlich vollkommen andere Menschen leben und arbeiten. Die meisten der Bewohner und Angestellten dort waren noch gar nicht auf der Welt, als meine Eltern dort tätig waren. Und selbst die Mitarbeiter, die jetzt kurz vor der Rente stehen, waren damals maximal Teenager.

Das hat mich ziemlich zum Nachdenken gebracht. Für meine Eltern waren die 2 Jahre dort unglaublich intensiv. Sie haben gearbeitet bis zum Umfallen, häufig deutlich mehr als sie es laut Arbeitsvertrag gemusst hätten. Mein Vater wurde über die Belastung dort erstmalig ernsthaft krank und auch bei meiner Mutter haben die Erlebnisse dort emotional tiefe Spuren hinterlassen. Eine Tretmühle in Dauerschleife, die damals anfing und zumindest im Kopf meiner Mutter niemals enden wird.

Und wofür?

So lebendig und wichtig die Erinnerung für meine Mutter noch ist, so bedeutungslos ist sie für den Rest der Welt. Niemand dort weiß, wer meine Eltern sind. Niemand weiß, was sie dort bewegt haben. Sie sind maximal noch verblasste Erinnerungen in Anekdoten ehemaliger Kollegen.

Zu all den Dingen, die ich von meinen Eltern geerbt habe, gehört leider auch, dass ich immer 100% gebe. Wenn ich mich engagiere, dann richtig – und leider oft über meine Grenzen hinaus. Nach wie vor führe ich meine MS-Erkrankung größtenteils auf die vielfältigen Belastungen an meiner derzeitigen Arbeitsstelle zurück. Und auch davor habe ich mich bei der Arbeit nicht wirklich geschont. Tretmühle. Pseudofromme Selbstverleugnung. Auch bei mir. Seit 11 Jahren (wenn man das Referendariat mitrechnet seit 12) arbeite ich mit vollem Einsatz und immer an der Belastungsgrenze. Und wofür?

Natürlich finde ich meine Schüler großartig, habe Interesse daran, dass sie gute Wege einschlagen und will ihr Bestes. Aber nicht mehr um jeden Preis. Wie man Grenzen zieht, bringt man eben am besten bei, indem man es vorlebt. Und es sind halt auch einfach nicht meine Kinder…

Als Berufsanfängerin dachte ich – wie viele andere -, dass ich die Welt verändern könne und müsse. Mittlerweile weiß ich, dass das Unsinn ist. Ganz egal, wie sehr ich mich anstrenge, es wird nie genug sein. Das, was trotz aller Bemühungen und Kraftanstrengungen am Ende an den Kaffeetischen der runden Geburtstage und Familienfeiern in epischer Breite erzählt wird, werden auch in Zukunft eher die schlechten Erfahrungen mit Lehrern, die Fehlentscheidungen, das menschliche Versagen sein.

Keiner meiner Kollegen – und seien sie noch so tolle Pädagogen – werden es vermutlich jemals in die Annalen der bundesdeutschen Bildungsgeschichte schaffen. Selbst an meinen ehemaligen Schulleiter, der jetzt in den Ruhestand geht und der die Schule, and er ich momentan arbeite, in den letzten 40 Jahren mit aufgebaut und geprägt hat, wird sich in 20 oder 30 Jahren keiner mehr erinnern.

Gleiches gilt für jede andere Tätigkeit. Wer kennt denn noch alle Fußballstars der deutschen Nationalmannschaft von 1962? Oder die von 1990? Außer ein paar Fußball-Nerds wohl niemand. Selbst die Architekten der berühmtesten Gebäude der Welt sind mittlerweile unbekannt (schon mal was von William F. Lamb oder Carl Gotthard Langhans gehört?). Und wenn ich meinen Schülern heute von den Beatles oder Queen erzähle, sehen sie mich meistens mit leerem, verständnislosem Blick an. Sogar Lenny Kravitz, einer der Helden meines frühpubertären Musikfandaseins, kennt man, wenn überhaupt, nur noch als Cinna aus den Hunger Games…

Scheinbar ist alles, womit wir versuchen, dieses einmalige Leben ruhmreich zu füllen, letzten Endes nur mit äußerst mäßigem Erfolg gekrönt. Ganz egal, wie sehr wir auf dem Höhepunkt unseres Lebens gefeiert wurden oder wie sehr wir alle anderen Aspekte des Lebens hinter unseren Beruf zurückgestellt haben: es ist letztlich doch nur Schall und Rauch. Vergänglich, sinnlos, lebenszerstörend.

Irgendwie frustrierend, oder?

Wäre es, wenn das Leben nur aus dem Dasein hier auf der Erde bestehen würde. Gott sei Dank tut es das nicht – obwohl auch wir Christen leider viel zu oft so tun, als wäre dem so. Gott sei Dank weiß ich, dass das Alles hier längst nicht alles ist, sondern nur ein Präludium für die Ewigkeit.

Dabei geht es nicht um ein schales Vertrösten auf eine bessere Welt irgendwann später mal. Oder gar um eine Rechtfertigung dafür, einfach gar nichts mehr zu tun, die Welt ihrem Schicksal zu überlassen und sich in egozentrischer Ignoranz zu suhlen. Es geht vielmehr darum, die Perspektive richtig einzustellen, Prioritäten richtig zu setzen und Begabungen sinnbringend zu nutzen.

Das, was ich hier und jetzt tue, hat auf einen begrenzten Kreis von Menschen eine unmittelbare Auswirkung. Hoffentlich eine positive. Darein investiere ich meine Kraft und Zeit. Wenn ich einem einzigen Schüler das Gefühl gebe, wichtig und „geliebt“ zu sein, dann ist das aller Mühe wert. Auch wenn der Rest der Welt es nicht sieht. Denn für diesen einen Schüler könnte dieses eine Erlebnis die Welt komplett verändern. Und das nehme ich gerne in Kauf, auch wenn im gleichen Moment zig Eltern und Schüler aus Frust über sich selbst Unwahrheiten über mich erzählen. Oder wenn einzelne Kollegen mir den Erfolg nicht gönnen, weil sie ihn selbst doch auch so gerne hätten, und mir entsprechend auch mal Knüppel zwischen die Beine werfen oder gar über die Rübe ziehen.

Das Positive will ich mitnehmen, das Negative ignorieren und dabei meine Grenzen sinnvoll und selbstschützend ziehen. Denn letzten Endes ist das, was ich als Broterwerb seit 12 Jahren mache eben nur mein Job. Er bringt mir ausreichend Geld, um meine Rechnungen zu bezahlen und er gibt an den meisten Tagen eine halbwegs sinnvolle Beschäftigung her. Das war es dann aber auch. Kein Lebensmittelpunkt, kein Partnerersatz, keine Egoshow.

In dem Moment, wo das Streben nach Anerkennung und Konzentration auf beruflichen Erfolg nicht mehr alles ist, wenn der Job nicht mehr die Quelle meiner Daseinsberechtigung, meiner Anerkennung, meines Selbstwerts darstellt, verlieren auch die negativen Erlebnisse deutlich an Einfluss und Bedeutung. Wie befreiend!

Da es im Leben um mehr geht, als um weltlichen Ruhm, ist Leben einfach auch mehr als Arbeit. Wer lebt, um zu arbeiten, sollte seine Prioritäten neu ordnen.

Es geht nicht um Ruhm, Reichtum, Macht oder Ehre. Es geht um Beziehungen. Um Hoffnung, Ums Mutmachen. Vielleicht geht es auch um das Sammeln von Erinnerungen für mich selbst.

Ganz bestimmt geht es darum, Schätze für die Ewigkeit zu sammeln, Prioritäten richtig zu setzen und darin das Richtige zu tun. Einfach, weil wir unserem Vater (beziehungsweise ich meinen beiden Vätern) im Himmel damit Ehre machen. Und weil es um mehr geht als das Dasein hier und jetzt.

You only live once – aber dafür ewig. Mach das Beste daraus.

2 Gedanken zu “YOLO

  1. Danke für deine Worte! Ich habe wieder einen neuen Blick darauf bekommen, worum es im Leben, selbst in Kämpfen und Stürmen tatsächlich geht. Danke!

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