Vorwärts immer, rückwärts nimmer…

 

„Wenn einem die Scheiße bis zum Hals steht, sollte man unter keinen Umständen den Kopf hängen lassen.“

Ein toller Rat, an den ich mich seit langem halte, vor allem, weil in diesem kurzen Satz mehr Wahrheit steckt, als es zunächst scheint. Manch einer scheitert schon allein deshalb am Verständnis dieser Aussage, weil das Wort „Scheiße“ einen unüberwindbaren Affront darstellt. Nun ja…

Ich bin überzeugt, dass dieser Satz mich in meinem Leben vor vielen Dummheiten bewahrt hat, hauptsächlich aber davor, aufzugeben. Sei es nach dem Tod meines Vaters vor 22 Jahren, diversen kleinen und großen Tiefen meines Lebens oder eben jetzt nach meiner MS-Diagnose: in allem hat es sich immer erwiesen, dass es klug, wenn nicht gar weise ist, von der Scheiße weg nach oben zu sehen. Hoch zu meinem wunderbaren Herrn und Heiland Jesus Christus, der in allem bei mir war und ist, mich durch trägt, wenn ich zu schwächeln beginne, den Durchblick behält, wenn ich vor lauter Bäume den Wald nicht mehr sehe.

Aber manchmal ist das gar nicht so einfach.

Zurzeit ist so ein „Manchmal“.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass es mir nach meiner letzten Kortison-Infusion vor fünf Wochen jetzt wieder besser gehen würde. Davon merke ich leider momentan nicht viel. Durch das Kortison hat sich der letzte Rest einer Erkältung, die ich fast los gewesen wäre, wieder gefestigt, sodass ich jetzt seit vier Wochen mit einer Infektion der oberen Atemwege inklusive hartnäckigem Husten zu tun habe, der gerade ziemlich an den Nerven zerrt. Die Hausärztin ist ratlos, der Termin beim Pneumologen im Mai. Bis dahin gibt es Kortisonspray (Yeah, noch mehr Kortison!) und viel, viel Husten.

So banal das klingt, die Info, dass ich jetzt zum nächsten Facharzt rennen darf, hat mich ziemlich ins Wanken gebracht. Noch eine Baustelle, der ich mich widmen muss und die mir meine Zeit klaut. Reicht es jetzt nicht langsam mal?!

Obwohl ich weiß, dass mir alle Dinge zum Besten dienen und obwohl ich absolutes Vertrauen in meinen Herrn und seinen Plan für mein Leben habe, ist es im Moment einfach alles ein bisschen viel. Schön, dass er mich für so stark hält, dass er mir so viel zumutet, aber ein Päuschen wäre trotzdem mal nett…

Und leider machen es mir diverse wohlwollende Mitmenschen mal wieder noch ein bisschen schwerer, als es sein müsste.

Abgesehen von allen möglichen Erwartungen, die man trotz des Wissens, dass ich MS habe, an mich stellt und die ich dank meiner Krankheit und der damit einhergehenden chronischen Müdigkeit einfach nicht stemmen kann (und die häufig ignoriert wird, weil man mir meine Erkrankung eben äußerlich nicht ansieht), darf ich mich aktuell wieder mit Äußerungen wie den folgenden auseinandersetzen:

„Du musst auch nicht immer stark sein.“

„Bist du jetzt endlich wieder gesund?“

oder mein aktueller Favorit:

„Du lässt dich nicht vielleicht einfach nur hängen?“

Wow. Danke.

Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich in einem eiskalten Meer schwimmen und während ich darum kämpfe, mich über Wasser zu halten, packen mir Leute aus meinem Umfeld mir zusätzlich noch ihren Ballast an die Füße, der mich weiter runter zieht, obwohl ich doch nach oben will. Vielleicht geschieht das, weil sie es nicht besser wissen, vielleicht, um zu erreichen, dass ich endlich untergehe, damit man mir endlich helfen kann und sich endlich selbst besser fühlt. So oder so ist es alles andere als hilfreich oder gar liebevoll.

Mal ganz abgesehen davon, dass solche Äußerungen sowohl Schuldgefühle generieren, die kein Mensch brauchen kann, als auch Druck und Stress, die beide krank machen und meine MS noch zusätzlich befeuern.

 

So, das musste mal raus. Heute musste ich einfach mal meckern.

Einfach, weil der Himmel, so wunderschön strahlend blau er im Moment ist, für mich eher grau erscheint. Ich weiß, dass er blau ist, aber ich laufe gerade Gefahr, das aus den Augen zu verlieren und zu vergessen. Und ich sehne die Ferien herbei, in denen ich hoffentlich endlich die Zeit habe, mich zu sortieren, abzuschalten und die Seele baumeln zu lassen. Ohne Schmerzen, ohne Schwäche, ohne Schlafmangel.

Im Moment muss ich wirklich kämpfen, um den Kopf nicht hängen zu lassen.

Ich will ihn aber einfach nicht hängen lassen.

Ich will auf meinen Herrn sehen und die Zukunft, die vor uns liegt. Ich will sehen, wie er die Scheiße um mich herum in Dünger verwandelt, wie die Saat aufgeht und brachliegender Acker Frucht bringt. Blumen wären schön…

Vielleicht sieht die ganze Sache morgen schon wieder ganz anders aus. Oder nächsten Monat. Irgendwann geht es los. Wenn du magst, kannst du bis dahin gerne für mich beten. Danke.