Wie würdest du entscheiden?

In meinen mittlerweile 11 Jahren als Lehrerin war ich – zum Leidwesen meiner Schüler – so gut wie nie krank. Und wenn ich mal so krank war, dass ich nicht arbeiten gehen konnte, hat es eigentlich nie irgendwen interessiert, warum ich gefehlt habe. Und auch letztes Jahr, als ich ganz anders als sonst plötzlich mehrfach und auch längerfristig gefehlt habe, wegen meiner Lumbalpunktion sogar knappe zwei Wochen vor der Realschulprüfung, nahm man mein Fehlen zwar als „schlecht getimt“ zur Kenntnis, mehr aber auch nicht. Im Grunde fand ich das ganz komfortabel, zumal ich zu dem Zeitpunkt ja auch noch gar nicht wusste, was mit mir los ist.

Mein Kenntnisstand über meine Gesundheit hat sich mittlerweile verständlicherweise geändert. Das Interesse meiner Schüler und deren Eltern sich unverständlicherweise auch.

In allen drei Klassen, die ich in diesem Jahr unterrichte, herrschte reges Interesse daran, wo ich denn die ganze Woche über gewesen sei, ebenso erkundigten sich zwei Eltern nach meinem Befinden und dem Grund meiner Abwesenheit. Und so sehr ich mich über Aussagen wie „Das war voll langweilig ohne Sie.“ und „Schön, dass Sie wieder da sind.“ gefreut habe, bleib doch die Verwunderung über dieses plötzliche Anteilnahme. Vor allem aber stellte mich die unerwartete Absenz der üblichen Gleichgültigkeit vor eine tiefgreifende Frage, über die ich mir bislang nicht so wirklich Gedanken gemacht habe:

Wie soll ich mit meiner MS-Erkrankung in der Öffentlichkeit umgehen?

Möglicherweise wirkt das jetzt etwas seltsam. Schließlich habe ich mich ja bereits dazu entschieden, über meine Erkrankung zu bloggen. Da sollte doch klar sein, wie ich mit der Sache verfahren möchte. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Ich gehe davon aus, dass die meisten Leute, die meinen Blog lesen, Facebook-Freunde sind. Also Menschen, mit denen ich privat zu tun habe. Oder es sind Leute, denen ich in meinem Alltag vermutlich nie über den Weg laufen werde. Und selbst wenn, würden wir uns nicht erkennen, da dieser Blog ja weitestgehend beidseitig anyonym ist.

Folglich ist es weder mutig, noch sonderlich herausfodernd, hier offen zu sagen, was los ist oder was ich zu welchem Thema auch immer denke.

Aber dann ist da noch das echte Leben und mitten darin die Arbeit. Und da sieht die Sache schon ganz anders aus.

Erstmal ist das Thema MS bzw. chronische Krankheit schwierig, weil ja jeder irgendwie zu wissen glaubt, worum es geht und daher auch der Meinung ist, dass er eben diese sagen müsse. Und damit will ich mich, ehrlich gesagt, nicht beschäftigen. Weder mit der Meinung derer, die Krankheit als gerechte Strafe Gottes für jedwede Schuld ansehen, noch mit den Überzeugungen der Globuli-Fans, noch mit sonst einer Meinung, die irgendein Nicht-Betroffener zu meiner Erkrankung hat. Jeder darf seine Meinung haben, keine Frage, aber allein der Umstand, dass die Meinung existiert, bedeutet nicht automatisch, dass man sie mir mitteilen muss…

Dann handelt es sich bei MS um eine Erkrankung, bei der Nervenzellen im Gehirn angegriffen werden. Möglicherweise kommen die Leute mit ihrem Wissen über MS gar nicht so weit, dass sie Kenntnis über die tiefere Bedeutung dieser Krankheit haben, aber möglicherweise wissen sie es. Und genau das ist ein Punkt, der mir Sorgen macht. Wenn ich etwas in meiner Tätigkeit als Lehrerin gelernt habe, dann, dass man die Bosheit der Menschen niemals unterschätzen darf und dass einem Dinge zum Vorwurf gemacht bzw. negativ ausgelegt werden, von denen man das nie für möglich gehalten hätte. Die Tatsache, dass mein Immunsystem (punktuell) meine Hirnzellen angreift, öffnet nun nun mal leider Eltern, denen meine Erziehungsbemühungen bei ihren Kindern zuwider sind, Schülern, die nicht einsehen, dass man für gute Noten arbeiten muss und unter Umständen auch Kollegen, die mit mir und meiner überaus großen Klappe nicht können, Tür und Tor für boshafte Kommentare und Unterstellungen. Die Tatsache, dass ich an einer christlichen Schule arbeite, beruhigt da nur wenig. Im Gegenteil. Das vergrößert lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass solche Äußerungen nicht direkt an mich herangetragen werden, sondern entweder an falscher Stelle im Frustrausch rausgepöbelt oder verklausuliert in pseudo-fürsorglichen Gebeten durch den Raum geschwurbelt werden.

Wenn ich etwas absolut nicht haben kann, dann ist es Gejammer. Es gibt so viele Dinge, für die man dankbar sein kann und muss und es geht uns trotz aller bestehenden Probleme in Europa so gut, dass ich finde, als Westeuropäer sollte man gar keine Zeit zum Jammern haben. Daher habe ich, wenn Freunde, Bekannte und Familie nach meinem Gesundheitszustand fragen, irgendwie immer das Gefühl, ich würde unnötig jammern. Und auch bei jedem Blogeintrag zum Thema MS habe ich die Sorge, es entstünde der Eindruck, ich ginge mit meiner Erkrankung hausieren. Das will ich auf keinen Fall. Hier nicht und bei der Arbeit noch weniger.

Und zu guter Letzt steh ich irgendwie auf Privatsphäre. Ich mein, Lehrerin zu sein ist mein Job. Nicht mehr und nicht weniger. Und das heißt, dass es Schüler und Eltern erst mal absolut nichts angeht, was in meinem Privatleben los ist.

Andererseits gibt es auch wirklich gute Gründe dafür, meine Krankheit offen anzusprechen.

Zumindest meinen Schülern gegenüber halte ich diesen „Die geht mein Privatleben nichts an“-Ansatz ohnehin nicht durch. Jeder, der mal morgens eine Andacht von mir über sich ergehen lassen musste, weiß, dass ich da gerne mal von meiner Nichte und meine Neffen, der FCB-Versessenheit meines Mannes, meinen persönlichen Erlebnissen in Gemeinden oder meinem Urlaub erzähle. Alles sehr, sehr unpersönlich… nicht…

Und warum sollten sie denn auch nicht wissen, was ich habe? Wie ich schon mehrfach erwähnt habe, glaube ich, dass Gott aus dieser blöden Situation umfassend Segen generieren kann. Wie sollte das besser gehen, als wenn ich offen und ehrlich mit meiner Krankheit umgehe? Nur wenn meine Schüler wissen, was los ist, kann ich ihnen auch vorleben, wie ich mit Krankheit und Schwäche, mit möglichen Sorgen und Komplikationen umgehe. Wenn sie wissen, dass ich fehle, weil ich mit Kortison vollgepumpt werde, wirkt das anders, als wenn sie denken, ich läge mit einer Erkältung auf dem Sofa.

Und nur, wenn meine Schüler wissen, wie es zu einem Schub kommt – nämlich u.a. durch Stress – und nur wenn sie wissen, wie ein solcher aussehen kann, können sie adäquat reagieren. Zum Einen, indem sie ihr eigenes Verhalten regulieren, um den Stresslevel niedrig zu halten (Ja, ich habe tatsächlich auch Schüler, die das tun!), zum Anderen, indem sie mein Verhalten richtiger einschätzen können. Schüler merken durchaus, wenn es ihrem Lehrer nicht so gut geht. Sie merken auch, wenn wir uns anders verhalten als sonst. Wieso sollte ich das nicht nutzen? Wieso sollte ich meinen Schülern nicht sagen, dass sie mir Bescheid geben sollen, wenn sie den Eindruck haben, dass ich verwaschener rede als sonst, dass ich irgendwie komisch laufe, mir Sachen aus der Hand fallen oder dass ich irgendwie viel schneller gereizt bin als sonst. Schüler tendieren doch ohnehin dazu, schlechte Laune des Lehrers als persönlichen Angriff auf sich selbst zu verstehen. Aber wenn sie wissen, das Gereiztheit oder ein gewisses Maß an Konfusion vollkommen andere Gründe haben können, als eine fiktive Antipathie, weitet sich unter Umständen ihr persönlicher Horizont. Und ich bekomme unter Umständen wertvolle Hinweise auf einen nahenden Schub, ehe ich selbst merke, dass etwas nicht stimmt.

Und zu guter Letzt wäre bedingungslose Offenheit beim Thema MS doch eine gute Möglichkeit, genau das zu leben, was ich ansonsten immer predige: Nämlich, dass man niemals aus Angst handeln sollte, sondern immer nur aus Liebe und positiver Überzeugung heraus. Will ich denn wirklich nur deshalb verschweigen, was ich habe, weil irgendwelche fehlgeleiteten Menschen versuchen könnten, meine Krankheit für ihren Vorteil zu nutzen? Sind meine Ängste und mein Ego wirklich so groß? Eigentlich ist das vorschnelle Zementieren möglicher Probleme, Angriffsflächen und Konflikte doch eine Herangehensweise, die ich zutiefst verabscheue. Wieso lasse ich mich dann jetzt von genau diesen hypothetischen Ängsten vor mir selbst hertreiben?! Das ist nicht nur irrational, sondern auch äußerst dumm und kontraproduktiv. Ständige Angst und Hab-Acht-Haltung führen nämlich zu Stress. Und Stress… ihr wisst schon.

Abgesehen davon habe ich nur MS. Und das ist nun wirklich nichts, das mir peinlich sein müsste. Ist ja nicht so, als hätte ich mir irgendwo die Syphillis eingefangen.

Tja, das beschäftigt mich gerade sehr, vor allem angesichts der unmittelbar bevorstehenden Elternsprechtage. Da ich vom Typ her ja eher so bin, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme und Dinge offen anspreche, bin ich eher dazu geneigt, die Leute in meinem Umfeld und damit auch meine Schüler offen über meine Multiple Sklerose zu informieren. Aber ich weiß auch, dass meine Offenheit mitunter Menschen vor den Kopf stößt und mich angreifbar macht.

Daher muss die innere Neigung bei dieser Frage wohl ausnahmsweise mal auf die Weisheit warten, um sich von ihr beraten zu lassen.

Eine gute Übung, auch für andere Lebensbereiche…

 

 

 

PS: Die Überschrift ist nicht rhetorisch gemeint. :o)

Ein Gedanke zu “Wie würdest du entscheiden?

  1. Eine schwere Entscheidung! Ich arbeite selbst im sozialen Bereich und der Spagat von Privatsphäre und menschlicher Offenheit ist nicht leicht.
    Wahrscheinlich würde ich mich dazu entscheiden, es zu erzählen.
    Wünsche dir viel Weisheit dafür! 😊

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